Dienstag, 16. Oktober 2012

Alltag

Um 04:45 Uhr werde ich vom Wecker aus meinem tiefen Schlaf gerissen. Ich weiß ganz genau, einfach umdrehen und weiterschlafen bringt nichts. In zwei Minuten wird der andere Wecker losgehen. Und um diesen auszumachen muss ich sowieso aufstehen. Ich drehe mich trotzdem um und lasse die Augen zu. Mein erstes Ziel ist dann am frühen Morgen die Küche, um heißes Wasser für mich und meine Gastfamilie aufzusetzen. Während das Wasser langsam warm wird, schmiere ich mir meine vier Brotlappen mit Butter ein und koche Tee. Dann geht’s ab zum Baden. Wasser aus einem Bottisch schöpfend, sprenkle ich ich meinen ganzen Körper und das halbe Bad nass, seife mich mit Kernseife ein und mache sowohl mich als auch das Bad wieder sauber. Als Lehrer in Sambia sollte man unbedingt ordentlich gekleidet sein. Also ziehe ich mir meine lange Stoffhose an und knöpfe mir mein selbst gebügeltes Hemd (welches aus unerklärlichen Gründen doch immer voll von Knittern ist) zur Hälfte zu, sodass der kühle Fahrtwind so viel von meinem Körper erreichen kann wie nur möglich. Ich werfe noch einen kurzen Blick in meine Unterlagen um mich dran zuerinnen, was ich den Schülern heute eigentlich nochmal beibringen wollte. Ich will ja nichts vergessen mitzunehmen. Vor allem nicht den Schlüssel. Den Schlüssel!!! Wenn ich den nicht mitnehme, werden 65 Schüler vor einem verschlossenen Klassenraum stehen und mich für den grössten Trottel halten. Dieser Druck hat mich aber bisher zum Glück davor bewahrt ihn zu vergessen. Alles in eine Plastiktüte gepackt, spanne ich nun das Paket gekonnt auf den Gepäckträger meines chinesischen Fahrrads und binde es mit alten Gummischläuchen fest; Genauso wie ich es mir von den Sambiern abgeschaut habe.


Solche akrobatischen Meisterleistungen werden gerne mal in den Pausen geübt.

Ich betone deshalb, dass mein Fahrrad chinesisch ist, weil es mir in der kurzen Zeit, in der ich es erst habe, schon so viele Probleme bereitet hat. Allein in der ersten Woche nach dem Kauf war ich viermal! Wieder beim Indergeschäft, wo ich es gekauft hatte. In der Stadt gibt es generell viele Geschäfte in indischer Hand. Wir haben hier sogar ein eigenes indisches Viertel in Ndola. Da die Inder alle Businessmänner sind, leben sie hier schon ein recht gutes Leben und ihre Restaurants sind leider viel zu teuer.
An meinem Fahrrad war auf jeden Fall schon die Bremse gebrochen, der Lenker verbogen, die Pedale verloren und sogar die Gabel gebrochen. Momentan funktioniert es aber, also zurück zu meinem Tag.

Nun endlich, spätestens um sechs Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schule. Es ist echt wichtig nicht zu spät zu sein, weil ich sonst den Sonnenaufgang verpasse. Ich fahre nämlich jener roten Sonne entgegen, die gerade am Horizont aufsteigt. Wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine gute Laune habe, dann spätestens ab jetzt. Ich traue mich gar nicht euch Bilder vom sambischen Sonnenaufgang zu zeigen, ihr würdet wahrscheinlich vor Neid in Ohnmacht fallen. Jedem Tag nehme ich mir vor noch 5 Minuten früher aufzustehen, um ihn noch länger genießen zu können. Andererseits ist es aber auch echt eine Qual, wenn der Kopf wie automatisch die ganze Zeit nach oben gezogen wird, während ich eigentlich vor mir auf die Straße schauen sollte, weil da Glasscherben rumliegen. Ich habe mich ja schon über den Straßendienst in Flörsheim aufgeregt, aber hier gibt es halt einfach überhaupt keinen. So kommt's, dass ich mir auch schon zwei Platten eingefangen habe. In der Schule angekommen begrüße ich zuerst den sehr netten Nachtwächter, setze mich dann in den Klassenraum und warte auf die Schüler, damit ich um 6:30 beginnen kann. Wer sich jetzt fragt, warum eigentlich 6:30 und nicht mehr 7:30, das hat einen ganz einfachen Grund. Ich bin jetzt Lehrer und nutze meine neugewonnene Macht über die Schüler aus. Deswegen habe ich die Schule um eine Stunde nach vorne verlegt. Das Leben auf der Lehrerseite macht halt echt irgendwie viel mehr Spaß.
Um bei den Tatsachen zu bleiben: Es war mir fast unmöglich um halb eins noch Unterricht zu machen weil es in dem Klassenraum so heiß ist. Die vier Wände sind nur von einem Wellblechdach bedeckt und diese Gebilde verwandelt sich in der Mittagssonne zu einem Ofen. Die Kinder dösen nur noch vor sich hin, klagen vor Hunger und Kopfschmerzen und keiner kann sich mehr konzentrieren. Also 6:30 nun, damit wir früher aufhören können. Wer zu spät kommt, bleibt ausgesperrt. Es ist schon erschreckend, wie ich einfach die Methoden meiner alten Lehrer kopiere, dabei habe ich sie doch selbst gehasst. Aber ich bin wahrscheinlich eh schon zu meinem eigenen schlimmsten Albtraum mutiert. Disziplin muss halt sein, oder nicht? Und trotzdem werde ich nach jedem Tag von vereinzelten Schülern belagert, die es Schade finden, dass ich nach hause gehe.
Fakt ist, dass der Rohrstock hier doch öfters benutzt wird, als ich am Anfang gedacht hatte. Anfangs besaßen die Schüler noch etwas Angst vor ihrem Außerirdischem Lehrer. Seitdem sie aber merkten, dass von ihm keine Gefahr ausgeht, beschlossen sie ihm ein wenig auf der Nase herumzutanzen. Aber keine Angst, auch wenn ich noch immer Gewalt ablehne, schaffe ich es inzwischen etwas Ruhe und Ordnung hereinzubringen. Ist bei 65 Schülern natürlich immer relativ zu sehen. Aber ich setze eher so auf demütigende Methoden. Einige mussten sich schon die Stunden vom staubigen Boden ansehen oder haben ihre Wangen mit „Lärmmacher“ vollgeschrieben bekommen, damit jeder Bescheid weiß. Ich komme schon zurecht.

Je jünger die Schüler, desdo züggelloser tanzen sie. Hier auf der Feier des Welt-Lehrer-Tages


Mein Schulleiter meint mir aber leider trotzdem helfen zu müssen. Hin und wieder mal kommt er in meinen Unterricht herein, bekommt eine Liste vom Klassensprecher in die Hand gedrückt und bestraft die Nervtöter auf die rohrstöck'sche Art. Ist ja eigentlich echt lieb gemeint, aber ich habe noch nicht die richtigen Worte gefunden ihm zu erklären, dass ich seine Hilfe nicht will ohne ihn dabei anzutasten.
Ich gestalte meine Unterrichtszeiten ansonsten ungefähr so, wie ich es von Deutschland her kenne. Drei Doppelstunden mit 15-20 minütigen Pausen.
Mathe und Englisch unterrichte ich jeden Tag, dazu noch eins oder zwei der anderen Fächer gegen Ende des Tages, weil die Konzentration dann schon längst auf dem Boden liegt. Nachdem der Klassenraum gesäubert wurde, unterhalte ich mich noch kurz mit den anderen Lehrern. Gegen halb eins fängt der lustige Part des Tages an. Auf dem Nachhauseweg laufen mir dann nämlich schreiend die Kinder hinterher. Was ein Glück, bin ich aber schneller als sie. Ich mache kurz einen Stopp um mir ein Wassereis für 8 Cent zu kaufen und zieh mir dabei die Schuhe aus und die Hose hoch. Dieses tägliche Ritual bewirkt Wunder, denn meine Hände entkreiden sich und zugleich werden meine Stimmbänder gesalbt. Zuhause angekommen versuche ich mich als Hausmann. Der restliche Tag vergeht ganz schnell mit Kochen, Spülen und Unterricht vorbereiten. Viel Freizeit bleibt da wirklich nicht. Und man glaubt es kaum, aber als Mustersohn, der ich hier nunmal bin, gehe ich sogar früh ins Bett. Aber das geht bisher in Ordnung.  Umso mehr freue ich mich auf die echt abwechslungsreichen Wochenenden.

Liebe Grüße
Martin

1 Kommentar:

  1. Hallo Martin,
    es ist schon spannend als Mutter so deine Veränderung zu beobachten, vor allem das frühe Aufstehen. Aber ich kann mir sehr gut den Sonnenaufgang als Motivation vorstellen. Hier ist es jetzt leider morgens um halbsieben wenn ich aus dem Haus gehe stockfinster. Also genieße die Sonnenaufgänge!!
    Alles Liebe Mama

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