Solche akrobatischen Meisterleistungen werden gerne mal in den Pausen geübt.
Ich betone
deshalb, dass mein Fahrrad chinesisch ist, weil es mir in der kurzen
Zeit, in der ich es erst habe, schon so viele Probleme bereitet hat.
Allein in der ersten Woche nach dem Kauf war ich viermal! Wieder beim
Indergeschäft, wo ich es gekauft hatte. In der Stadt gibt es
generell viele Geschäfte in indischer Hand. Wir haben hier sogar ein
eigenes indisches Viertel in Ndola. Da die Inder alle Businessmänner
sind, leben sie hier schon ein recht gutes Leben und ihre Restaurants
sind leider viel zu teuer.
An meinem
Fahrrad war auf jeden Fall schon die Bremse gebrochen, der Lenker
verbogen, die Pedale verloren und sogar die Gabel gebrochen.
Momentan funktioniert es aber, also zurück zu meinem Tag.
Nun endlich,
spätestens um sechs Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schule. Es
ist echt wichtig nicht zu spät zu sein, weil ich sonst den
Sonnenaufgang verpasse. Ich fahre nämlich jener roten Sonne
entgegen, die gerade am Horizont aufsteigt. Wenn ich bis zu diesem
Zeitpunkt noch keine gute Laune habe, dann spätestens ab jetzt. Ich
traue mich gar nicht euch Bilder vom sambischen Sonnenaufgang zu
zeigen, ihr würdet wahrscheinlich vor Neid in Ohnmacht fallen.
Jedem Tag nehme ich mir vor noch 5 Minuten früher aufzustehen, um
ihn noch länger genießen zu können. Andererseits ist es aber auch
echt eine Qual, wenn der Kopf wie automatisch die ganze Zeit nach
oben gezogen wird, während ich eigentlich vor mir auf die Straße
schauen sollte, weil da Glasscherben rumliegen. Ich habe mich ja
schon über den Straßendienst in Flörsheim aufgeregt, aber hier
gibt es halt einfach überhaupt keinen. So kommt's, dass ich mir auch
schon zwei Platten eingefangen habe. In der Schule angekommen begrüße
ich zuerst den sehr netten Nachtwächter, setze mich dann in den
Klassenraum und warte auf die Schüler, damit ich um 6:30 beginnen
kann. Wer sich jetzt fragt, warum eigentlich 6:30 und nicht mehr
7:30, das hat einen ganz einfachen Grund. Ich bin jetzt Lehrer und
nutze meine neugewonnene Macht über die Schüler aus. Deswegen habe
ich die Schule um eine Stunde nach vorne verlegt. Das Leben auf der
Lehrerseite macht halt echt irgendwie viel mehr Spaß.
Um bei den
Tatsachen zu bleiben: Es war mir fast unmöglich um halb eins noch
Unterricht zu machen weil es in dem Klassenraum so heiß ist. Die
vier Wände sind nur von einem Wellblechdach bedeckt und diese
Gebilde verwandelt sich in der Mittagssonne zu einem Ofen. Die Kinder
dösen nur noch vor sich hin, klagen vor Hunger und Kopfschmerzen und
keiner kann sich mehr konzentrieren. Also 6:30 nun, damit wir früher
aufhören können. Wer zu spät kommt, bleibt ausgesperrt. Es ist
schon erschreckend, wie ich einfach die Methoden meiner alten Lehrer
kopiere, dabei habe ich sie doch selbst gehasst. Aber ich bin
wahrscheinlich eh schon zu meinem eigenen schlimmsten Albtraum
mutiert. Disziplin muss halt sein, oder nicht? Und trotzdem werde ich nach jedem Tag von vereinzelten Schülern belagert, die es Schade finden, dass ich nach hause gehe.
Fakt ist, dass
der Rohrstock hier doch öfters benutzt wird, als ich am Anfang
gedacht hatte. Anfangs besaßen die Schüler noch etwas Angst vor
ihrem Außerirdischem Lehrer. Seitdem sie aber merkten, dass von ihm
keine Gefahr ausgeht, beschlossen sie ihm ein wenig auf der Nase
herumzutanzen. Aber keine Angst, auch wenn ich noch immer Gewalt
ablehne, schaffe ich es inzwischen etwas Ruhe und Ordnung
hereinzubringen. Ist bei 65 Schülern natürlich immer relativ zu
sehen. Aber ich setze eher so auf demütigende Methoden. Einige
mussten sich schon die Stunden vom staubigen Boden ansehen oder haben
ihre Wangen mit „Lärmmacher“ vollgeschrieben bekommen, damit
jeder Bescheid weiß. Ich komme schon zurecht.
Je jünger die Schüler, desdo züggelloser tanzen sie. Hier auf der Feier des Welt-Lehrer-Tages
Mein Schulleiter
meint mir aber leider trotzdem helfen zu müssen. Hin und wieder mal
kommt er in meinen Unterricht herein, bekommt eine Liste vom
Klassensprecher in die Hand gedrückt und bestraft die Nervtöter auf
die rohrstöck'sche Art. Ist ja eigentlich echt lieb gemeint, aber
ich habe noch nicht die richtigen Worte gefunden ihm zu erklären,
dass ich seine Hilfe nicht will ohne ihn dabei anzutasten.
Ich gestalte
meine Unterrichtszeiten ansonsten ungefähr so, wie ich es von
Deutschland her kenne. Drei Doppelstunden mit 15-20 minütigen
Pausen.
Mathe und
Englisch unterrichte ich jeden Tag, dazu noch eins oder zwei der
anderen Fächer gegen Ende des Tages, weil die Konzentration dann
schon längst auf dem Boden liegt. Nachdem der Klassenraum gesäubert
wurde, unterhalte ich mich noch kurz mit den anderen Lehrern. Gegen
halb eins fängt der lustige Part des Tages an. Auf dem Nachhauseweg
laufen mir dann nämlich schreiend die Kinder hinterher. Was ein
Glück, bin ich aber schneller als sie. Ich mache kurz einen Stopp um
mir ein Wassereis für 8 Cent zu kaufen und zieh mir dabei die Schuhe
aus und die Hose hoch. Dieses tägliche Ritual bewirkt Wunder, denn
meine Hände entkreiden sich und zugleich werden meine Stimmbänder
gesalbt. Zuhause angekommen versuche ich mich als Hausmann. Der
restliche Tag vergeht ganz schnell mit Kochen, Spülen und Unterricht
vorbereiten. Viel Freizeit bleibt da wirklich nicht. Und man glaubt es kaum, aber als Mustersohn, der ich hier nunmal bin, gehe ich sogar früh ins Bett. Aber das geht
bisher in Ordnung. Umso mehr freue ich mich auf die
echt abwechslungsreichen Wochenenden.
Liebe Grüße
Martin
Hallo Martin,
AntwortenLöschenes ist schon spannend als Mutter so deine Veränderung zu beobachten, vor allem das frühe Aufstehen. Aber ich kann mir sehr gut den Sonnenaufgang als Motivation vorstellen. Hier ist es jetzt leider morgens um halbsieben wenn ich aus dem Haus gehe stockfinster. Also genieße die Sonnenaufgänge!!
Alles Liebe Mama