Donnerstag, 25. Oktober 2012

Independence Day

Hallo an alle daheimgebliebenen!

Es gibt mal wieder was zu erzählen.
Was mich hier nämlich wirklich manchmal umhaut ist die sambische Spontanität. Mein Gastvater hat aufgehört im Kongo zu arbeiten und ist wieder zurück zu uns gezogen. Er hatte seine Frau, die Familie, die Freunde und vor allem das Essen zu sehr vermisst. Außerdem konnte er sich weder mit französisch noch mit swahili so richtig anfreunden. Einen Tag bevor er zurück kam, wurde mir das alles mitgeteilt. Dass wir doch nicht umziehen und er eine Arbeit in Ndola gefunden hat. All die Möbel, die wir verkauft hatten, werden jetzt mit dem für den Umzug gesparten Geld durch neue Möbel ersetzt. Und daran kann man auch gleich sehen, wie unterschiedlich Prioritäten gesetzt werden können. Als ich eines Tages nach der Arbeit nach hause kam, stand da einfach – haltet euch fest – ein 40“ Flachbildschirmfernseher im 'Wohnzimmer. Dabei besitzen wir weder eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, eine noch einen Backofen oder Staubsauger. All diese Dinge würden für mich persönlich mehr Lebensqualität bedeuten.
Unserem Haushälter, der sowieso gehen sollte, wurde dann auch morgens gesagt, dass wir in mittags zu seiner Familie fahren und er somit noch am selben Tag bei uns auszieht. Wir haben sogar schon einen neuen Jungen, der diesmal aber nur für den Garten verantwortlich ist. Diese Geschichte geht mir besonders nah. Er ist erst siebzehn und kommt jeden morgen aus dem Armenviertel gelaufen, zu dem ich mit dem Fahrrad fahre um zu unterrichten. Er ist somit ein Jahr jünger als ich, spricht mich aber stets mit „ba Boss“ an. (Klar, hat mir das zuerst sehr gefallen, aber es ist doch eigentlich nicht ganz richtig, oder? )
Er verdient etwa 40 Euro im Monat und hat ohne Bildung und mit gebrochenem Englisch keinerlei Perspektiven je einen viel besser bezahlten Job zu bekommen. Weil er noch minderjährig ist, würde ich ihn gerne wieder nach hause schicken, aber so ist das hier nun mal. Wenn überhaupt die „kostenlose Schule“ (So wird sie vom Staat proklamiert. Tatsache ist aber, dass trotzdem geringe Schulgebühren gezahlt werden müssen.) besucht wird, ist für die meisten nach der siebten Schluss und mit 15 wird schon angefangen unausgebildet zu arbeiten. Wer einen Job als Haushälter in den reicheren Familien bekommt, kann sich sogar noch recht glücklich schätzen.
Meine Familie ist aber weiterhin sehr nett und ich bin froh, dass der Gastvater zurückgekommen ist.

Damit ihr seht, dass ich auch die Wahrheit schreibe. Wir haben sogar etwas ähnliches Wie sky. Auch wenn ich wirklich selten Fernseh schaue, so kann ich mir auch hier unten in Sambia die Champions Leauge oder die gerade so famose Eintracht anschauen.

Liebe ist verboten!
Aus der Schule habe ich auch noch etwas zu berichten.
Ein ganz schön trauriger Tag war, als nach einer Lehrersitzung eine Schülerin und ein Schüler aus der Siebten in das Büro des Schulleiters beordert wurden. Ihr fragt euch sicherlich, was sie angestellt hatten. Sie sind ein Paar, sie lieben sich. Mehrfach wurden sie schon verwarnt, aber immer wieder wurden sie gesehen, wie sie Händchen gehalten haben oder auf dem Schoß des anderen gesessen haben. Jetzt nun, in Anwesenheit des ganzen Lehrpersonals wurde ihnen die allerletzte Chance gewährt. Über eine halbe Stunde wurde auf sie eingeredet, dass sie die Beziehung beenden müssen. Ansonsten werden sie suspendiert und die Eltern informiert. Auch ich musste meinen Senf dazu geben wie böse das ganze sei, nachdem angemerkt wurde, dass ich ja noch gar nichts dazu gesagt hätte. Ausgerechnet ich wurde dann noch als Musterbeispiel genommen, wie man auch als Erwachsener noch alleinstehend sein kann. Im nach hinein habe ich meinen Lehrerkollegen dann schmunzelnd erklärt, dass in deutschen Schulen solch ein Thema definitiv keine Angelegenheit der Lehrer sei. Hier in Sambia aber mit einer dramatisch steigenden Aids-Rate, ist es wahrscheinlich einfach nur das klügste, dass ein jeder mithilft Dummheiten zu unterbinden. Traurig ist es trotzdem. Mit diesem Hintergrund sogar noch viel trauriger.

Damit ihr mal ein typisches sambisches Essen sieht. Im großen Topf ist Nshima zu sehen , daneben fritierte Caterpilla(Schmetterlinge vor dem Entpuppen), Eipflanze und Rapsblätter. Leider weiß ich nicht, warum das Bild hochkant gedreht ist.
Das Bild soll nicht zeigen, dass das Essen hier ekelhaft wäre. Es schmeckt sogar echt ganz gut, wenn es auch ziehmlich ungesund ist. Ich bin nur mächtig stolz auf mich, dass ich ohne zu mosern alles esse. Wer mich aus früheren Tagen kennt, der weiß: ich kann auch anders sein. Hier aber folge ich treu dem Motto meiner Omas. Alles probieren. Und wenns nicht schmeckt, brauch man es ja nicht nochmal essen.

Zur Aids-Aufklärung generell: Hier in Ndola gibt es fast keinen Tag, an dem ich nicht eine Plakat begegne, welches auf die Gefahr von ungeschützten Geschlechtsverkehr hinweist. In allen möglichen öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen sind an den Wänden Poster zu sehen. Generell nimmt der Staat dieses Thema sehr ernst. Auch wenn eine befreundete Entwicklungshelferin mir erklärt hat, dass all dies nur gemacht wird, weil es von ausländischen Geldgebern finanziert wird. Momentan hat er eine riesige Beschneidungswelle initiiert. Durch das staatliche Fernsehen proklamiert, wird für jedermann eine kostenlose Beschneidung angeboten. Dies soll anscheinend die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung von Aids verringern. Hoffentlich wird dies aber nicht als Freifahrschein von der Bevölkerung aufgenommen. Aids wird wohl trotz aller Aufklärung noch viele viele Jahre ein großes Problem sein und Waisen sowie Halbwaisen hervorrufen.



Aus Anlass des gestrig gefeierten 48. Unabhängigkeitstages möchte ich euch mit dem Grundwissen der sambischen Geschichte ausstatten. Wer Zeit und Lust hat, kann sich ja gerne das Folgende mal durchlesen.

Und zwar haben die im heutigen Staatsgebiet lebenden Menschen bis zum 7. Jh. nach Christus als Jäger und Sammler gelebt.
Um 800 herum entstanden dann Dörfer von Menschen, welche vor allem von der Landwirtschaft lebten und Eisenkunst sowie Handel nach Sambia brachten.
Das in Sambia so reich vorhandene Kupfer wurde um 1000 zum ersten Mal abgebaut.
Ab diesem Zeitpunkt wurden schon Sklaven, Kupfer, Gold und Elfenbein nach Arabien und Asien gehandelt.Ab dem 15. Jh., aber vor allem vom 17. bis zum 19. wanderten die sogenannten Bantu-Völker aus dem Kongobecken in das Gebiet Sambias ein und gründeten ebenso wie die aus Südafrika kommenden Stämme mehrere Königreiche.Zeitgleich betraten mit den Portugiesen nun erste Europäer aus Handelsgründen in das Land ein.1851 erreicht David Livingstone erstmals Sambia, welcher als erster Europäer die Vitoria-Fälle sah. Das Vereinigte Königreich wurde nun aufmerksam auf die Kupferresourcen Sambias. 1888 erwirbt Cecil Rhodes Schürfrechte von lokalen Häuptlingen in Sambia und schon 1890 wird Sambia Teil von Rhodesien. 1923 wird das heutige Sambia unter britischem Protektorat zum eigenständigen Nordrhodesien erklärt.. Der Kupferabbau wurde von den Briten stark vorangetrieben. Doch dann nahmen Streiks wegen Unterdrückung, schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen zu, welche Klassenkämpferische Dimensionen annahmen.1946 wurde die erste Vorpartei gegründet, die für die gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich unterdrückten Afrikaner gleiche Rechte verlange. Das Ende des 2. WK markierte dann das Ende des Kolonialismus.
Am 24. Oktober 1964 setzte der erste Präsident Sambias Kenneth Kaunda die Unabhängigkeit von Großbritannien durch, Sambia blieb jedoch Mitglied des Commonwealth. Seit dem Erlangen der Unabhängigkeit wurde Sambia daraufhin nach dem Vorbild der Sowjetunion sozialistisch regiert, die große Macht der Kirchen konnte den totalitären Kommunismus verhindern. Die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft wurde beibehalten. Perspektiven für die vielen Kleinbauern wurden nicht geschaffen, stattdessen viel mehr die Flucht in die Städte gefördert. Das ging solange gut, wie der Kupferpreis auf dem Weltmarkt hoch und die Exporthäfen erreichbar waren. Ab 1969 übernahm die sambische Regierung die Mehrheiten an den Kupferbergwerken. Die weißen Verwaltungsstäbe wurden durch Sambier ersetzt. Doch anhaltend steigende Korruption und Inkompetenz in Betrieben und Verwaltung untergruben die Fundamente der sambischen Politik.
1973 wurde Sambia zum Einparteienstaat erklärt. Als ab 1975 ein kontinuierlicher Fall der Kupferpreise auf dem Weltmarkt einsetzte, begann sich eine Schraube nach unten zu drehen, die Sambia bis heute am Boden hält. Das BIP fiel seitdem um 30 Prozent. Die Regierung begann, das Land zu verschulden.1984 wurde der erste Fall von AIDS in Sambia berichtet. Seitdem wütet der Virus unkontrolliert im Land.
1990 musste Kaunda nach dem Zusammenbruch der UdSSR die erste demokratische Mehrparteienwahl seit der ersten Republik zulassen. 1991 wurde Chiluba zum neuen Präsidenten gewählt und Sambia kapitalistisch. Auch wenn dies für die Bevölkerung erst einmal neue Lebensqualität durch nie da gewesene Produkte bedeutete, so waren die staatlichen Betriebe der radikalen Marktöffnung nicht gewachsen und es folgten Massenentlassungen und Schließungen. 1995 war die Pro-Kopf-Verschuldung Sambias eine der höchsten der Welt. Seit 2005 steigt der Kupferpreis auf dem Weltmarkt wieder. Neue Bergwerke werden in Betrieb genommen, jedoch sind nur die wenigsten in sambischer Hand. Die Chinesen bringen nicht nur ihr Know-How und die Geräte sondern auch ihre eigenen Arbeiter mit, sodass Sambia nur sehr gering von seinem Kupfervorhaben profitiert. Nach 20 Jahren der durch Wahlbetrug oben gebliebenen Regierungspartei, wurde nun Michael Sata letztes Jahr als neuer Präsident Sambias gewählt. Mal schauen wie er sich so schlägt.

Machts gut
 Euer Martin

3 Kommentare:

  1. Hallo Martin,
    auch mir ist eine Waschmaschine und ein Geschirrspüler wichtger als ein Flachbildschirmfernseher. Aber wie du siehst sind die Prioritäten sehr unterschiedlich. Wegen des ungewohnten Essen, welches du dort kennenlernst und isst, bewundere ich dich schon. Ich bin bei solchen Dingen die ich nicht kenne immer sehr skeptisch. Aber ich denke, dass dir auch nichts anderes übrig bleibt als die dort "heimische Küche" zu genießen. Trotzdem "Hut ab". Wünsche dir noch weiterhin eine schöne Zeit. Gruß Elisabeth

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  2. Hallo Martin!

    Erstmal meine Frage: Was ist denn Nshima? :D

    Dann: Ich finde die Story über die Liebesgeschichte in der Schule schon sehr verstörend. In Deutschland ist an sowas gar nicht erst zu denken. Ich finde es aber auch gut, dass du bereits eine mitwirkende Stimme in solchen Situationen hast, anfangs leider erst zum negativem Sinne.

    Die Geschichte über euren neuen Gärtner finde ich auch sehr ... enorm, zumal er gerade mal ein Jahr jünger als du ist und er dich als Herr über ihn ansieht. Aber ich glaube in Afrika ist das nicht selten, oder?

    Ich finde es super, dass du solche umfangreichen und themenreiche Artikel schreibst. Ist immer wieder ein guter Lesestoff und das zeigt, dass du auch ein sehr großes Interesse hast!

    Liebe Grüße,
    René

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  3. Hallo Martin, wir hoffen du bist gut in das Jahr 2013 gestartet. Vielen Dank für die Weihnachtskarte. Wir haben uns alle sehr gefreut, dass du jedem eine Karte geschrieben hast. Ben war ganz angetan von dem mächtigen Nashorn. Auch die Geschenke-sehr schön ausgesucht. Oma und Gregor haben sich sehr gefreut. Deine letzten zwei Einträge waren wieder wie immer spannend zu lesen. Ich hoffe du wirst mit deiner neuen Klasse nach dem Urlaub erfolgreich sein. Auch das du die Sprache versuchst zu lernen ist klasse. Das sollte man auf jedenfall ernst nehmen. Ich bin jetzt schon auf das Vokabelheft gespannt (wenn ich mal drin stöbern kann). Ich hoffe auch, dass du deinen Urlaub ohne große Gefahren und Hindernisse erlebst. Dein Reiseplan hat sich toll angehört-da wird man schon neidisch. Wir freuen uns áuf den nächsten Bericht und wünschen auch zum Geburtstag schon mal alles Liebe und Gute auch wenn es noch 4 Stunden und 4Minuten dauert.
    Es grüßen herzlich Ben, Michel und Christa

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