Samstag, 6. Oktober 2012

Dorfleben




Der Insacker neben der Feuerstelle. Sieht doch echt traumhaft aus, oder?

 
Guten Tag!
Auch wenn mein Lehrerleben schon sein einmonatiges Jubiläum gefeiert hat, erlebe ich echt viel außerhalb der Schule, was - wie ich denke - echt Erzählenswert ist. Mein Highlight der letzten Woche war der Besuch eines „richtigen sambischen Dorfes“ gewesen. Nachdem ich die verschiedenen Seiten des Stadtlebens kennen gelernt habe, war ich sofort Feuer und Flamme, als meine österreichischen Freunde mir angeboten hatten mein Samstag in einem entlegenen Dorf ohne Strom und fließendem Wasser zu verbringen. Wir waren mir einem italienischem Priester unterwegs, der in einer nahegelegenen Mission einmal gelebt hatte, und seine Freunde in diesem Dorf besuchen wollte.
Nachdem wir uns etwa eine dreiviertel Stunde lang nördlich von Ndola wegbewegt hatten, verließen wir die geteerte Straße und es ging auf der Piste weiter. Am Straßenrand waren des Öfteren weiter entfernt Häuser zu sehen. Mitten auf dem Weg, der zu diesen führte, konnten wir stehts kleine Gegenstände, wie Tassen, Teller oder Flaschen finden. Diese, so erklärte uns der Pater, zeigen an, ob und was man bei diesen Häusern kaufen kann. Eine stehende Flasche bedeutet zum Beispiel, dass Alkohol gekauft werden kann. Dem entgegen zeigt eine Liegende den Ausverkauf an.
Aus dieser trockenen, weiten Umgebung fuhren wir langsam in den Wald. Der Weg wurde zwar immer dünner und abenteuerlicher, aber nach etwa zwei Stunden kamen wir in dem Dorf an. Einzelne Bewohner waren schon vorraus gelaufen, um den seltenen Besuch in Empfang zu nehmen. Diese eine der 50 Aussenstationen der zuständigen katholischen Gemeinde wird versucht einmal monatlich von einem Pater aufgesucht zu werden. Ansonsten dürften wir die ersten Weißen gewesen sein, die die Kinder dort zu Gesicht bekommen haben. So beeindruckend unser Besuch für sie gewesen sein mag, umso mehr war er es für uns.


Hier ist ein Junge zu sehen, den wir auf unserem Rundgang durch das Dorf getroffen haben. Er ist beim Geschirrwaschen im Bach.


Das Dorf mit vielleicht 800 Einwohnern bestand praktisch aus ganz vielen eigenen kleinen Dörfern. Die meisten Familien leben in Großfamilien zusammen. Das bedeutet, dass es jeweils ein kleines Schlafgebäude für die Mädchen, eins für die Jungs und eins für die Eltern gibt. In der Mitte dieses eigenen Dorfes befindet sich neben der Feuerstelle der „Insacker“, eine kreisförmige Sitzgelegenheit mit Dach, indem sich tagsüber aufgehalten wird. Etwas abseits ist dann die Toilette zu finden. Die Häuser sind ähnlich denen im Armenviertel in der Stadt sehr einfach gehalten.
Bei der Familie, die wir besuchten, sah das ganze dann neben dem kleinen Bach, in dem sich gewaschen und dessen Wasser getrunken wird, und inmitten Schatten spendenden Bäumen extrem idyllisch aus. Diese zwei vielleicht widersprüchlichen Gefühle von Faszination und Mitleid verfolgten mich bei all dein Eindrücken, die ich an diesem Tag bekommen habe.
Direkt nach der Ankunft wurde eine Messe gefeiert, in der eine ganz frischgebackene Nonne, kurz nachdem sie ihre ewige Profess abgelegt hatte, andenklich gefeiert wurde. Ganz ähnlich einer Hochzeit. In dieser zwei stündigen Bemba-Messe, in der ich nur wenige Wörter verstanden habe, wurde richtig schöne mehrstimmige Musik aus den einfachsten Instrumenten gemacht. Aber nicht nur das war es, was diese Messe so besonders und einprägsam machte. Wir waren viel mehr Teil einer traditionellen Zeremonie. Schlangenartig auf dem Boden robbend und mit Tüchern verdeckt wurde der neuen Nonne von ein paar Frauen die Ehre erwiesen. Mit Mehl wurde ihr Kopf gesalbt, eine Ziege wurde ihr gebracht und mit einer Axt um sie herum getanzt. Danach bekam sie klipp und klar gesagt, was nun ihre Aufgaben und Pflichten seien. Zum Schluss wurde noch getanzt.
Danach wurden wir zum Essen eingeladen. Wir saßen im Inneren an einem Tisch mit dem Familienvater und bekamen richtig, richtig gutes Essen. Es war wohl ein Hühnchen extra für uns geschlachtet worden, bekamen dazu aber noch anderes Fleisch, Salate und Gemüse, Erdnüsse, Nshima, Reis und Pommes, wenn ich nichts vergessen habe. Die gesamte Gemeinde allerdings aß draußen im Freien auf dem Boden sitzend Nshima mit Gemüse. Der Pater meinte zu uns, die anderen Dorfbewohner müssten wohl ziemlich neidisch gewesen sein. Nicht aber, weil extra wegen uns solch ein riesiger Aufwand betrieben wurde (die ganze Umgebung sah frisch gekehrt aus), sondern weil sie selbst gerne die Ehre gehabt hätten uns als Gast zu haben.
Die meisten Dorfbewohner sind Selbtversorger, sie planzen Gemüse und Mais an und halten Ziegen und Hünchen. Daher brauchen sie auch sogut wie kein Geld. Manche betreiben jedoch auch Handel zu der nächstgrößeren 16 km entfernten Stadt, sodass mit Öl gekocht werden kann und wenige sogar Handys besitzen, die sie an der zentralen Bar im Dorf aufladen können. Diese hat nämlich eine Solarzelle auf dem Dach.

So Schaut eine der überraschend vielen Kirchen im Dorf aus.


Ansonsten wurden wir noch herumgezeigt, die Schule, die Kirchen, die Wohnhäuser und das Fußballfeld, für welches aber leider kein Ball vorhanden ist, durften wir neben dem Bach begutachten.
Dann ging es auch mit vollgepackten Köpfen, die dieses traditionellere Leben irgendwie einordnen und beurteilen versuchten, nach hause.

Machts gut,
Martin



3 Kommentare:

  1. Hallo Martin,
    ich bin echt jedes Mal beeindruckt von deinen Berichten. Man kommt sich vor, als wäre man dabei gewesen. Es ist wirklich faszinierend, wie die Menschen dort leben und zurecht kommen.

    Jetzt habe ich mal eine Frage: ist es für dich in Ordnung, wenn ich deine Berichte in den Jugendkasten aushänge? Ist nur so eine Idee, für die, die deinen Blog nicht verfolgen können.

    Ganz liebe Grüße
    Melli

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  2. Tolle Berichte Martin !
    Wie Melli schon sagt, wirklich beeindruckend!
    Vor allem ist auch so viel Unerwartetes dabei...

    Aber vor allem schön zu hören, dass es dir gut geht und du gut zurecht kommst.

    Halt die Ohren steif,
    Liebe Grüße
    Daniel

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  3. Ein wieder sehr beeindruckender Bericht. Als Europäer kann man sich das alles so gar nicht vorstellen wenn man nicht dort ist.

    Danke für die Einblicke in eine so ganz andere Welt.

    Weiter so!!!

    Gruß
    Elisabeth

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