Donnerstag, 25. Oktober 2012

Independence Day

Hallo an alle daheimgebliebenen!

Es gibt mal wieder was zu erzählen.
Was mich hier nämlich wirklich manchmal umhaut ist die sambische Spontanität. Mein Gastvater hat aufgehört im Kongo zu arbeiten und ist wieder zurück zu uns gezogen. Er hatte seine Frau, die Familie, die Freunde und vor allem das Essen zu sehr vermisst. Außerdem konnte er sich weder mit französisch noch mit swahili so richtig anfreunden. Einen Tag bevor er zurück kam, wurde mir das alles mitgeteilt. Dass wir doch nicht umziehen und er eine Arbeit in Ndola gefunden hat. All die Möbel, die wir verkauft hatten, werden jetzt mit dem für den Umzug gesparten Geld durch neue Möbel ersetzt. Und daran kann man auch gleich sehen, wie unterschiedlich Prioritäten gesetzt werden können. Als ich eines Tages nach der Arbeit nach hause kam, stand da einfach – haltet euch fest – ein 40“ Flachbildschirmfernseher im 'Wohnzimmer. Dabei besitzen wir weder eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, eine noch einen Backofen oder Staubsauger. All diese Dinge würden für mich persönlich mehr Lebensqualität bedeuten.
Unserem Haushälter, der sowieso gehen sollte, wurde dann auch morgens gesagt, dass wir in mittags zu seiner Familie fahren und er somit noch am selben Tag bei uns auszieht. Wir haben sogar schon einen neuen Jungen, der diesmal aber nur für den Garten verantwortlich ist. Diese Geschichte geht mir besonders nah. Er ist erst siebzehn und kommt jeden morgen aus dem Armenviertel gelaufen, zu dem ich mit dem Fahrrad fahre um zu unterrichten. Er ist somit ein Jahr jünger als ich, spricht mich aber stets mit „ba Boss“ an. (Klar, hat mir das zuerst sehr gefallen, aber es ist doch eigentlich nicht ganz richtig, oder? )
Er verdient etwa 40 Euro im Monat und hat ohne Bildung und mit gebrochenem Englisch keinerlei Perspektiven je einen viel besser bezahlten Job zu bekommen. Weil er noch minderjährig ist, würde ich ihn gerne wieder nach hause schicken, aber so ist das hier nun mal. Wenn überhaupt die „kostenlose Schule“ (So wird sie vom Staat proklamiert. Tatsache ist aber, dass trotzdem geringe Schulgebühren gezahlt werden müssen.) besucht wird, ist für die meisten nach der siebten Schluss und mit 15 wird schon angefangen unausgebildet zu arbeiten. Wer einen Job als Haushälter in den reicheren Familien bekommt, kann sich sogar noch recht glücklich schätzen.
Meine Familie ist aber weiterhin sehr nett und ich bin froh, dass der Gastvater zurückgekommen ist.

Damit ihr seht, dass ich auch die Wahrheit schreibe. Wir haben sogar etwas ähnliches Wie sky. Auch wenn ich wirklich selten Fernseh schaue, so kann ich mir auch hier unten in Sambia die Champions Leauge oder die gerade so famose Eintracht anschauen.

Liebe ist verboten!
Aus der Schule habe ich auch noch etwas zu berichten.
Ein ganz schön trauriger Tag war, als nach einer Lehrersitzung eine Schülerin und ein Schüler aus der Siebten in das Büro des Schulleiters beordert wurden. Ihr fragt euch sicherlich, was sie angestellt hatten. Sie sind ein Paar, sie lieben sich. Mehrfach wurden sie schon verwarnt, aber immer wieder wurden sie gesehen, wie sie Händchen gehalten haben oder auf dem Schoß des anderen gesessen haben. Jetzt nun, in Anwesenheit des ganzen Lehrpersonals wurde ihnen die allerletzte Chance gewährt. Über eine halbe Stunde wurde auf sie eingeredet, dass sie die Beziehung beenden müssen. Ansonsten werden sie suspendiert und die Eltern informiert. Auch ich musste meinen Senf dazu geben wie böse das ganze sei, nachdem angemerkt wurde, dass ich ja noch gar nichts dazu gesagt hätte. Ausgerechnet ich wurde dann noch als Musterbeispiel genommen, wie man auch als Erwachsener noch alleinstehend sein kann. Im nach hinein habe ich meinen Lehrerkollegen dann schmunzelnd erklärt, dass in deutschen Schulen solch ein Thema definitiv keine Angelegenheit der Lehrer sei. Hier in Sambia aber mit einer dramatisch steigenden Aids-Rate, ist es wahrscheinlich einfach nur das klügste, dass ein jeder mithilft Dummheiten zu unterbinden. Traurig ist es trotzdem. Mit diesem Hintergrund sogar noch viel trauriger.

Damit ihr mal ein typisches sambisches Essen sieht. Im großen Topf ist Nshima zu sehen , daneben fritierte Caterpilla(Schmetterlinge vor dem Entpuppen), Eipflanze und Rapsblätter. Leider weiß ich nicht, warum das Bild hochkant gedreht ist.
Das Bild soll nicht zeigen, dass das Essen hier ekelhaft wäre. Es schmeckt sogar echt ganz gut, wenn es auch ziehmlich ungesund ist. Ich bin nur mächtig stolz auf mich, dass ich ohne zu mosern alles esse. Wer mich aus früheren Tagen kennt, der weiß: ich kann auch anders sein. Hier aber folge ich treu dem Motto meiner Omas. Alles probieren. Und wenns nicht schmeckt, brauch man es ja nicht nochmal essen.

Zur Aids-Aufklärung generell: Hier in Ndola gibt es fast keinen Tag, an dem ich nicht eine Plakat begegne, welches auf die Gefahr von ungeschützten Geschlechtsverkehr hinweist. In allen möglichen öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen sind an den Wänden Poster zu sehen. Generell nimmt der Staat dieses Thema sehr ernst. Auch wenn eine befreundete Entwicklungshelferin mir erklärt hat, dass all dies nur gemacht wird, weil es von ausländischen Geldgebern finanziert wird. Momentan hat er eine riesige Beschneidungswelle initiiert. Durch das staatliche Fernsehen proklamiert, wird für jedermann eine kostenlose Beschneidung angeboten. Dies soll anscheinend die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung von Aids verringern. Hoffentlich wird dies aber nicht als Freifahrschein von der Bevölkerung aufgenommen. Aids wird wohl trotz aller Aufklärung noch viele viele Jahre ein großes Problem sein und Waisen sowie Halbwaisen hervorrufen.



Aus Anlass des gestrig gefeierten 48. Unabhängigkeitstages möchte ich euch mit dem Grundwissen der sambischen Geschichte ausstatten. Wer Zeit und Lust hat, kann sich ja gerne das Folgende mal durchlesen.

Und zwar haben die im heutigen Staatsgebiet lebenden Menschen bis zum 7. Jh. nach Christus als Jäger und Sammler gelebt.
Um 800 herum entstanden dann Dörfer von Menschen, welche vor allem von der Landwirtschaft lebten und Eisenkunst sowie Handel nach Sambia brachten.
Das in Sambia so reich vorhandene Kupfer wurde um 1000 zum ersten Mal abgebaut.
Ab diesem Zeitpunkt wurden schon Sklaven, Kupfer, Gold und Elfenbein nach Arabien und Asien gehandelt.Ab dem 15. Jh., aber vor allem vom 17. bis zum 19. wanderten die sogenannten Bantu-Völker aus dem Kongobecken in das Gebiet Sambias ein und gründeten ebenso wie die aus Südafrika kommenden Stämme mehrere Königreiche.Zeitgleich betraten mit den Portugiesen nun erste Europäer aus Handelsgründen in das Land ein.1851 erreicht David Livingstone erstmals Sambia, welcher als erster Europäer die Vitoria-Fälle sah. Das Vereinigte Königreich wurde nun aufmerksam auf die Kupferresourcen Sambias. 1888 erwirbt Cecil Rhodes Schürfrechte von lokalen Häuptlingen in Sambia und schon 1890 wird Sambia Teil von Rhodesien. 1923 wird das heutige Sambia unter britischem Protektorat zum eigenständigen Nordrhodesien erklärt.. Der Kupferabbau wurde von den Briten stark vorangetrieben. Doch dann nahmen Streiks wegen Unterdrückung, schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen zu, welche Klassenkämpferische Dimensionen annahmen.1946 wurde die erste Vorpartei gegründet, die für die gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich unterdrückten Afrikaner gleiche Rechte verlange. Das Ende des 2. WK markierte dann das Ende des Kolonialismus.
Am 24. Oktober 1964 setzte der erste Präsident Sambias Kenneth Kaunda die Unabhängigkeit von Großbritannien durch, Sambia blieb jedoch Mitglied des Commonwealth. Seit dem Erlangen der Unabhängigkeit wurde Sambia daraufhin nach dem Vorbild der Sowjetunion sozialistisch regiert, die große Macht der Kirchen konnte den totalitären Kommunismus verhindern. Die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft wurde beibehalten. Perspektiven für die vielen Kleinbauern wurden nicht geschaffen, stattdessen viel mehr die Flucht in die Städte gefördert. Das ging solange gut, wie der Kupferpreis auf dem Weltmarkt hoch und die Exporthäfen erreichbar waren. Ab 1969 übernahm die sambische Regierung die Mehrheiten an den Kupferbergwerken. Die weißen Verwaltungsstäbe wurden durch Sambier ersetzt. Doch anhaltend steigende Korruption und Inkompetenz in Betrieben und Verwaltung untergruben die Fundamente der sambischen Politik.
1973 wurde Sambia zum Einparteienstaat erklärt. Als ab 1975 ein kontinuierlicher Fall der Kupferpreise auf dem Weltmarkt einsetzte, begann sich eine Schraube nach unten zu drehen, die Sambia bis heute am Boden hält. Das BIP fiel seitdem um 30 Prozent. Die Regierung begann, das Land zu verschulden.1984 wurde der erste Fall von AIDS in Sambia berichtet. Seitdem wütet der Virus unkontrolliert im Land.
1990 musste Kaunda nach dem Zusammenbruch der UdSSR die erste demokratische Mehrparteienwahl seit der ersten Republik zulassen. 1991 wurde Chiluba zum neuen Präsidenten gewählt und Sambia kapitalistisch. Auch wenn dies für die Bevölkerung erst einmal neue Lebensqualität durch nie da gewesene Produkte bedeutete, so waren die staatlichen Betriebe der radikalen Marktöffnung nicht gewachsen und es folgten Massenentlassungen und Schließungen. 1995 war die Pro-Kopf-Verschuldung Sambias eine der höchsten der Welt. Seit 2005 steigt der Kupferpreis auf dem Weltmarkt wieder. Neue Bergwerke werden in Betrieb genommen, jedoch sind nur die wenigsten in sambischer Hand. Die Chinesen bringen nicht nur ihr Know-How und die Geräte sondern auch ihre eigenen Arbeiter mit, sodass Sambia nur sehr gering von seinem Kupfervorhaben profitiert. Nach 20 Jahren der durch Wahlbetrug oben gebliebenen Regierungspartei, wurde nun Michael Sata letztes Jahr als neuer Präsident Sambias gewählt. Mal schauen wie er sich so schlägt.

Machts gut
 Euer Martin

Dienstag, 16. Oktober 2012

Alltag

Um 04:45 Uhr werde ich vom Wecker aus meinem tiefen Schlaf gerissen. Ich weiß ganz genau, einfach umdrehen und weiterschlafen bringt nichts. In zwei Minuten wird der andere Wecker losgehen. Und um diesen auszumachen muss ich sowieso aufstehen. Ich drehe mich trotzdem um und lasse die Augen zu. Mein erstes Ziel ist dann am frühen Morgen die Küche, um heißes Wasser für mich und meine Gastfamilie aufzusetzen. Während das Wasser langsam warm wird, schmiere ich mir meine vier Brotlappen mit Butter ein und koche Tee. Dann geht’s ab zum Baden. Wasser aus einem Bottisch schöpfend, sprenkle ich ich meinen ganzen Körper und das halbe Bad nass, seife mich mit Kernseife ein und mache sowohl mich als auch das Bad wieder sauber. Als Lehrer in Sambia sollte man unbedingt ordentlich gekleidet sein. Also ziehe ich mir meine lange Stoffhose an und knöpfe mir mein selbst gebügeltes Hemd (welches aus unerklärlichen Gründen doch immer voll von Knittern ist) zur Hälfte zu, sodass der kühle Fahrtwind so viel von meinem Körper erreichen kann wie nur möglich. Ich werfe noch einen kurzen Blick in meine Unterlagen um mich dran zuerinnen, was ich den Schülern heute eigentlich nochmal beibringen wollte. Ich will ja nichts vergessen mitzunehmen. Vor allem nicht den Schlüssel. Den Schlüssel!!! Wenn ich den nicht mitnehme, werden 65 Schüler vor einem verschlossenen Klassenraum stehen und mich für den grössten Trottel halten. Dieser Druck hat mich aber bisher zum Glück davor bewahrt ihn zu vergessen. Alles in eine Plastiktüte gepackt, spanne ich nun das Paket gekonnt auf den Gepäckträger meines chinesischen Fahrrads und binde es mit alten Gummischläuchen fest; Genauso wie ich es mir von den Sambiern abgeschaut habe.


Solche akrobatischen Meisterleistungen werden gerne mal in den Pausen geübt.

Ich betone deshalb, dass mein Fahrrad chinesisch ist, weil es mir in der kurzen Zeit, in der ich es erst habe, schon so viele Probleme bereitet hat. Allein in der ersten Woche nach dem Kauf war ich viermal! Wieder beim Indergeschäft, wo ich es gekauft hatte. In der Stadt gibt es generell viele Geschäfte in indischer Hand. Wir haben hier sogar ein eigenes indisches Viertel in Ndola. Da die Inder alle Businessmänner sind, leben sie hier schon ein recht gutes Leben und ihre Restaurants sind leider viel zu teuer.
An meinem Fahrrad war auf jeden Fall schon die Bremse gebrochen, der Lenker verbogen, die Pedale verloren und sogar die Gabel gebrochen. Momentan funktioniert es aber, also zurück zu meinem Tag.

Nun endlich, spätestens um sechs Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schule. Es ist echt wichtig nicht zu spät zu sein, weil ich sonst den Sonnenaufgang verpasse. Ich fahre nämlich jener roten Sonne entgegen, die gerade am Horizont aufsteigt. Wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine gute Laune habe, dann spätestens ab jetzt. Ich traue mich gar nicht euch Bilder vom sambischen Sonnenaufgang zu zeigen, ihr würdet wahrscheinlich vor Neid in Ohnmacht fallen. Jedem Tag nehme ich mir vor noch 5 Minuten früher aufzustehen, um ihn noch länger genießen zu können. Andererseits ist es aber auch echt eine Qual, wenn der Kopf wie automatisch die ganze Zeit nach oben gezogen wird, während ich eigentlich vor mir auf die Straße schauen sollte, weil da Glasscherben rumliegen. Ich habe mich ja schon über den Straßendienst in Flörsheim aufgeregt, aber hier gibt es halt einfach überhaupt keinen. So kommt's, dass ich mir auch schon zwei Platten eingefangen habe. In der Schule angekommen begrüße ich zuerst den sehr netten Nachtwächter, setze mich dann in den Klassenraum und warte auf die Schüler, damit ich um 6:30 beginnen kann. Wer sich jetzt fragt, warum eigentlich 6:30 und nicht mehr 7:30, das hat einen ganz einfachen Grund. Ich bin jetzt Lehrer und nutze meine neugewonnene Macht über die Schüler aus. Deswegen habe ich die Schule um eine Stunde nach vorne verlegt. Das Leben auf der Lehrerseite macht halt echt irgendwie viel mehr Spaß.
Um bei den Tatsachen zu bleiben: Es war mir fast unmöglich um halb eins noch Unterricht zu machen weil es in dem Klassenraum so heiß ist. Die vier Wände sind nur von einem Wellblechdach bedeckt und diese Gebilde verwandelt sich in der Mittagssonne zu einem Ofen. Die Kinder dösen nur noch vor sich hin, klagen vor Hunger und Kopfschmerzen und keiner kann sich mehr konzentrieren. Also 6:30 nun, damit wir früher aufhören können. Wer zu spät kommt, bleibt ausgesperrt. Es ist schon erschreckend, wie ich einfach die Methoden meiner alten Lehrer kopiere, dabei habe ich sie doch selbst gehasst. Aber ich bin wahrscheinlich eh schon zu meinem eigenen schlimmsten Albtraum mutiert. Disziplin muss halt sein, oder nicht? Und trotzdem werde ich nach jedem Tag von vereinzelten Schülern belagert, die es Schade finden, dass ich nach hause gehe.
Fakt ist, dass der Rohrstock hier doch öfters benutzt wird, als ich am Anfang gedacht hatte. Anfangs besaßen die Schüler noch etwas Angst vor ihrem Außerirdischem Lehrer. Seitdem sie aber merkten, dass von ihm keine Gefahr ausgeht, beschlossen sie ihm ein wenig auf der Nase herumzutanzen. Aber keine Angst, auch wenn ich noch immer Gewalt ablehne, schaffe ich es inzwischen etwas Ruhe und Ordnung hereinzubringen. Ist bei 65 Schülern natürlich immer relativ zu sehen. Aber ich setze eher so auf demütigende Methoden. Einige mussten sich schon die Stunden vom staubigen Boden ansehen oder haben ihre Wangen mit „Lärmmacher“ vollgeschrieben bekommen, damit jeder Bescheid weiß. Ich komme schon zurecht.

Je jünger die Schüler, desdo züggelloser tanzen sie. Hier auf der Feier des Welt-Lehrer-Tages


Mein Schulleiter meint mir aber leider trotzdem helfen zu müssen. Hin und wieder mal kommt er in meinen Unterricht herein, bekommt eine Liste vom Klassensprecher in die Hand gedrückt und bestraft die Nervtöter auf die rohrstöck'sche Art. Ist ja eigentlich echt lieb gemeint, aber ich habe noch nicht die richtigen Worte gefunden ihm zu erklären, dass ich seine Hilfe nicht will ohne ihn dabei anzutasten.
Ich gestalte meine Unterrichtszeiten ansonsten ungefähr so, wie ich es von Deutschland her kenne. Drei Doppelstunden mit 15-20 minütigen Pausen.
Mathe und Englisch unterrichte ich jeden Tag, dazu noch eins oder zwei der anderen Fächer gegen Ende des Tages, weil die Konzentration dann schon längst auf dem Boden liegt. Nachdem der Klassenraum gesäubert wurde, unterhalte ich mich noch kurz mit den anderen Lehrern. Gegen halb eins fängt der lustige Part des Tages an. Auf dem Nachhauseweg laufen mir dann nämlich schreiend die Kinder hinterher. Was ein Glück, bin ich aber schneller als sie. Ich mache kurz einen Stopp um mir ein Wassereis für 8 Cent zu kaufen und zieh mir dabei die Schuhe aus und die Hose hoch. Dieses tägliche Ritual bewirkt Wunder, denn meine Hände entkreiden sich und zugleich werden meine Stimmbänder gesalbt. Zuhause angekommen versuche ich mich als Hausmann. Der restliche Tag vergeht ganz schnell mit Kochen, Spülen und Unterricht vorbereiten. Viel Freizeit bleibt da wirklich nicht. Und man glaubt es kaum, aber als Mustersohn, der ich hier nunmal bin, gehe ich sogar früh ins Bett. Aber das geht bisher in Ordnung.  Umso mehr freue ich mich auf die echt abwechslungsreichen Wochenenden.

Liebe Grüße
Martin

Samstag, 6. Oktober 2012

Dorfleben




Der Insacker neben der Feuerstelle. Sieht doch echt traumhaft aus, oder?

 
Guten Tag!
Auch wenn mein Lehrerleben schon sein einmonatiges Jubiläum gefeiert hat, erlebe ich echt viel außerhalb der Schule, was - wie ich denke - echt Erzählenswert ist. Mein Highlight der letzten Woche war der Besuch eines „richtigen sambischen Dorfes“ gewesen. Nachdem ich die verschiedenen Seiten des Stadtlebens kennen gelernt habe, war ich sofort Feuer und Flamme, als meine österreichischen Freunde mir angeboten hatten mein Samstag in einem entlegenen Dorf ohne Strom und fließendem Wasser zu verbringen. Wir waren mir einem italienischem Priester unterwegs, der in einer nahegelegenen Mission einmal gelebt hatte, und seine Freunde in diesem Dorf besuchen wollte.
Nachdem wir uns etwa eine dreiviertel Stunde lang nördlich von Ndola wegbewegt hatten, verließen wir die geteerte Straße und es ging auf der Piste weiter. Am Straßenrand waren des Öfteren weiter entfernt Häuser zu sehen. Mitten auf dem Weg, der zu diesen führte, konnten wir stehts kleine Gegenstände, wie Tassen, Teller oder Flaschen finden. Diese, so erklärte uns der Pater, zeigen an, ob und was man bei diesen Häusern kaufen kann. Eine stehende Flasche bedeutet zum Beispiel, dass Alkohol gekauft werden kann. Dem entgegen zeigt eine Liegende den Ausverkauf an.
Aus dieser trockenen, weiten Umgebung fuhren wir langsam in den Wald. Der Weg wurde zwar immer dünner und abenteuerlicher, aber nach etwa zwei Stunden kamen wir in dem Dorf an. Einzelne Bewohner waren schon vorraus gelaufen, um den seltenen Besuch in Empfang zu nehmen. Diese eine der 50 Aussenstationen der zuständigen katholischen Gemeinde wird versucht einmal monatlich von einem Pater aufgesucht zu werden. Ansonsten dürften wir die ersten Weißen gewesen sein, die die Kinder dort zu Gesicht bekommen haben. So beeindruckend unser Besuch für sie gewesen sein mag, umso mehr war er es für uns.


Hier ist ein Junge zu sehen, den wir auf unserem Rundgang durch das Dorf getroffen haben. Er ist beim Geschirrwaschen im Bach.


Das Dorf mit vielleicht 800 Einwohnern bestand praktisch aus ganz vielen eigenen kleinen Dörfern. Die meisten Familien leben in Großfamilien zusammen. Das bedeutet, dass es jeweils ein kleines Schlafgebäude für die Mädchen, eins für die Jungs und eins für die Eltern gibt. In der Mitte dieses eigenen Dorfes befindet sich neben der Feuerstelle der „Insacker“, eine kreisförmige Sitzgelegenheit mit Dach, indem sich tagsüber aufgehalten wird. Etwas abseits ist dann die Toilette zu finden. Die Häuser sind ähnlich denen im Armenviertel in der Stadt sehr einfach gehalten.
Bei der Familie, die wir besuchten, sah das ganze dann neben dem kleinen Bach, in dem sich gewaschen und dessen Wasser getrunken wird, und inmitten Schatten spendenden Bäumen extrem idyllisch aus. Diese zwei vielleicht widersprüchlichen Gefühle von Faszination und Mitleid verfolgten mich bei all dein Eindrücken, die ich an diesem Tag bekommen habe.
Direkt nach der Ankunft wurde eine Messe gefeiert, in der eine ganz frischgebackene Nonne, kurz nachdem sie ihre ewige Profess abgelegt hatte, andenklich gefeiert wurde. Ganz ähnlich einer Hochzeit. In dieser zwei stündigen Bemba-Messe, in der ich nur wenige Wörter verstanden habe, wurde richtig schöne mehrstimmige Musik aus den einfachsten Instrumenten gemacht. Aber nicht nur das war es, was diese Messe so besonders und einprägsam machte. Wir waren viel mehr Teil einer traditionellen Zeremonie. Schlangenartig auf dem Boden robbend und mit Tüchern verdeckt wurde der neuen Nonne von ein paar Frauen die Ehre erwiesen. Mit Mehl wurde ihr Kopf gesalbt, eine Ziege wurde ihr gebracht und mit einer Axt um sie herum getanzt. Danach bekam sie klipp und klar gesagt, was nun ihre Aufgaben und Pflichten seien. Zum Schluss wurde noch getanzt.
Danach wurden wir zum Essen eingeladen. Wir saßen im Inneren an einem Tisch mit dem Familienvater und bekamen richtig, richtig gutes Essen. Es war wohl ein Hühnchen extra für uns geschlachtet worden, bekamen dazu aber noch anderes Fleisch, Salate und Gemüse, Erdnüsse, Nshima, Reis und Pommes, wenn ich nichts vergessen habe. Die gesamte Gemeinde allerdings aß draußen im Freien auf dem Boden sitzend Nshima mit Gemüse. Der Pater meinte zu uns, die anderen Dorfbewohner müssten wohl ziemlich neidisch gewesen sein. Nicht aber, weil extra wegen uns solch ein riesiger Aufwand betrieben wurde (die ganze Umgebung sah frisch gekehrt aus), sondern weil sie selbst gerne die Ehre gehabt hätten uns als Gast zu haben.
Die meisten Dorfbewohner sind Selbtversorger, sie planzen Gemüse und Mais an und halten Ziegen und Hünchen. Daher brauchen sie auch sogut wie kein Geld. Manche betreiben jedoch auch Handel zu der nächstgrößeren 16 km entfernten Stadt, sodass mit Öl gekocht werden kann und wenige sogar Handys besitzen, die sie an der zentralen Bar im Dorf aufladen können. Diese hat nämlich eine Solarzelle auf dem Dach.

So Schaut eine der überraschend vielen Kirchen im Dorf aus.


Ansonsten wurden wir noch herumgezeigt, die Schule, die Kirchen, die Wohnhäuser und das Fußballfeld, für welches aber leider kein Ball vorhanden ist, durften wir neben dem Bach begutachten.
Dann ging es auch mit vollgepackten Köpfen, die dieses traditionellere Leben irgendwie einordnen und beurteilen versuchten, nach hause.

Machts gut,
Martin



Dienstag, 25. September 2012

Bilder

Hallooo!
Ich habe eine gute Nachricht für euch. Dank meiner lieben Omas und der sambischen Musikgruppe, die im Bistum Limburg getourt hat, ist meine Kamera nun wieder einsatzfähig. So kann ich Euch jetzt auch visuell einen besseren Eindruck davon geben, wie es hier bei mir aussieht.


Endlich ein Bild von meiner Schule! Das sind die – ich habe nochmal nachgezählt – 65 Schüler in ihrem Klassenraum.


Hier ist der Schulhof zu sehen. Dienstags ist es der Job der sechsten Klasse den Schulhof vor Schulbeginn zu bewässern und zu putzen. Meine Aufgabe ist es aufzupassen, dass das ganze schnell genug und ordentlich genug geschieht. Dabei habe ich das ungute Gefühl wie ein Sklaventreiber zu sein. Ich meine, man stelle sich vor, wie ich als Weißer: „Beeilung, beeilung!“ rufe und dabei schwarze Kinder in gebückter Haltung den Schulhof fegen. Warum ich dabei auf den Rohrstock in der Hand verzichte, den normalerweise die anderen Lehrer mit sich führen, versteht sich glaube ich jetzt von selbst.
Sogar mein Gastbruder meint, das wäre ja Kinderarbeit. In den staatlichen Schulen gibt es Angestellte dafür. Aber solange es die Schulgebühren herunterdrückt, ist es natürlich sinnvoll, dass die Schüler selbst für eine saubere Schule sorgen.
Der große Baum auf dem Bild ist dabei aber besonders fies. Seitdem ich hier bin, fallen täglich die Blätter von den Bäumen, die weggekehrt werden müssen. Es ist wie im Herbst. Und dabei sind es weit über 30 Grad. Schon sehr komisch, oder?




So wie hier in der Schule, wird auch bei den Einwohnern drum herum der Müll im Garten gelagert.
Das geschieht dann solange, bis der Haufen – wie im nächsten Bild zu sehen ist – verbrannt wird.




Diese Bilder sehe ich täglich und daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Dass hier Müll und Gras vor der Haustür und neben der Straße verbrannt wird, scheint aber sonst nur die wenigsten zu stören. Viele andere Möglichkeiten gibt es ja auch nicht, für einen Mülldienst ist kein Geld vorhanden. Also wer auch immer die Umwelt retten will, der sollte sich nicht nur um die Glühbirnen in den Industrieländern sorgen, sondern auch über eine Müllabfuhr in den sogenannten Entwcklungsländern nachdenken.




Extrem stereotypisch, ich weiß. Aber faszinierend sind die Frauen mit den riesigen Bastkörben auf dem Kopf für meine Augen trotzdem.



 

Das sind typische Verkaufsläden, wie man sie überall in der Stadt verteilt sieht. Allesamt verkaufen sie Handyguthaben. Ansonsten haben sie meistens noch Lebensmittel oder Hygieneprodukte, die in der Stadt beim Supermarkt gekauft wurden, im Angebot. Diese Artikel werden dann teurer verkauft. Trotzdem kaufen viele dort ein, da sie sich das Geld fürs in die Stadt fahren sparen.





Ein beispielhaftes Haus in Chipulukusu, dem Viertel rund um meiner Schule.




Zu guter Letzt wollte ich Euch noch die Busse zeigen, von denen ich erzählt hatte. Wie man hier vor dem Einkaufszentrum von Kansenshi (dem Viertel, in dem ich wohne) sehen kann, befinden sich manchmal mehr Busse als Autos auf der Straße.

Bleibt gesund und fröhlich bis zum nächsten Mal,
Euer Martin

Sonntag, 16. September 2012

Zwischen Ernüchterung und Verzweiflung

Hallo allerseits,
Ich komme nun endlich dazu von der Arbeit in meiner Schule zu berichten. In der ersten Woche sollte eigentlich der alte Lehrer der sechsten Klasse den Unterricht fortführen und ich zuschauen, damit ich weiss wie der Unterricht dort so abläuft. Tatsächlich aber ist der Schulleiter kurzfristig bis November nicht da, und dieser eine Lehrer muss jetzt Schulleiter spielen. Ausserdem wird in der ersten Woche hauptsächlich die Schule von den Schülern geputzt und der Stoff des letzten Terms wiederholt. Insgesamt hat also in der ersten Woche eine ganze Stunde Mathe stattgefunden. Am Montag dieser Woche wurde mir dann nochmal tatkräftig geholfen und seit Dienstag habe ich nun den Spass mit den 60 Schülern. Die Altersspanne ist krass hoch in der Klasse, die Jüngsten sind 12 und der Älteste 17. Ich bin übrigens 18 und unterrichte eine sechste Klasse. Die Kinder wurden zum Teil deswegen so spät eingeschult, weil sie zu hause einfach gebraucht wurden oder niemand die Schulgebühren gezahlt hat. Niedlich anzuschauen sind sie ja, wie sie zu dritt gequetscht auf den 22 Schulbänken hocken und mich erwartungsvoll anstarren. Das ändert aber nichts daran, dass wir ein noch grösseres Kommunikationsproblem haben, als ich ursprünglich angenommen hatte. Die erste Herausforderung ergab sich schon als ich nach ihrem Namen fragte. Typische Reaktionen waren: Mich fragend anstarren, Kopf hinter den Armen verstecken oder lautlos die Lippen bewegen. Und immer wenn ich näher kam, wurde noch leiser gesprochen. Ich glaube daran sieht man, dass es für die Schüler nicht ganz einfach ist, jetzt einen weissen Lehrer zu haben und die Unkenntnis über einander eine ziehmlich grosse Barriere ist, die erstmal überwunden werden muss. Ein weiteres Beispiel dafür ist, wenn ich mit meinem Fahrrad in der Gegend unterwegs bin. Dann werde ich alle paar Sekunden gegrüsst, mir wird nachgeschrien und Kinder rennen mir hinterher. So eine Attraktion bin ich. Es gibt zwar einige andere Weisse in der Stadt, aber die haben entweder keinen Grund in das Armenviertel zu gehen oder sind meistens mit dem Auto unterweg. Unglaublich also, dass ich auch ein ganz normaler Mensch bin und laufen und Fahrrad fahren kann.
Also, wenn jemand wer kennt, der Aufmerksamkeitsdefizite hat, sollte ihn einfach in den Flieger nach einem sambischen Armenviertel setzten. Dort müsste er sich dann pudelwohl fühlen.

Die Klasse gibt ein recht gewöhnungsbedürftiges Bild ab. Mädchen mit säuberlichen Schuluniformen sitzen neben Jungs, die regelrechte Lumpen anhaben. Zum Glück ist es in Sambia echt heiss, weil so oft wie ich hier St. Martin spielen müsste, geht einfach nicht. Ich habe selbst nicht genug Kleidung um allen was gescheites zum Anziehen zu geben. Und dabei gibt es auf dem Secondhandmarkt Hosen für umgerechnet einen Euro.
Als ich aus menschlichen Gründen mal die Schultoilette aufsuchen wollte, bin ich bis auf fünf Meter herangegangen und dann angeekelt umgedreht. Ich befürchte, dass es hier, wie es in dieser Gegend nun mal üblich ist, kein Abwassersystem gibt, sondern einfach Löcher gegraben wurden, in denen die Fäkalien vor sich daherleben. In den Wohnhäusern wird normalerweise Maismehl drüber gekippt, was den Gestank echt gut abdeckt. Diese Toiletten würde ich aber einfach als unmenschlich beschreiben.

Meine Vorbereitungen für die Schulstunden gebe ich morgens um sieben dem übrigens sehr netten momentanen Schulleiter und dieser segnet sie ab. Bisher war er sehr zufrieden mit mir. Dann bewachen wir die Schüler bis halb acht, während sie den ganzen Schulhof und teilweise die Klassenzimmer fegen. Eine 20-minütige Pause gibt es um zehn nach zehn. Um halb eins ist die Schule dann aus und ausgewählte Schüler kehren und putzen wiederrum das Klassenzimmer. In dieser Zeit war es mir bisher nicht möglich mehr als 3 Fächer zu unterrichten, da einfach alles unglaublich lange dauert. Das liegt hauptsächlich an den sprachlichen Mängeln. Ein paar sprechen fliessend und verstehen sehr gut Englisch, können es auch schreiben. Die meisten eher gebrochen. Aber um einzelne mache ich mir echt Gedanken, weil ich sie noch so gut wie kein Wort habe sprechen hören.
Der erste richtige Schock traf mich, als ich feststellen musste, dass niemand in der Klasse dazu fähig ist, schriftlich zu dividieren. Und das, obwohl sie es vor ein paar Monaten gelernt haben sollten.
Auch war es mir nicht möglich einen Satz zu diktieren, da niemand wusste was er aufschreiben soll. Jedes Wort musste einzelnd buchstabiert werden. Jedoch wurden einfachste Worte wie „because“ oder „they“ teilweise falsch buchstabiert. Auch konnten mir einfachste Fragen über eine Geschichte, die ich mehrmals langsam vorgelesen habe, nicht beantwortet werden. Die Antworten müssen vordiktiert und an die Tafel geschrieben werden, nur so hat der Unterricht Erfolg.

Das mag sich jetzt vielleicht alles danach anhören, dass die Schüler einfach geistig nicht dazu in der Lage wären zu lernen, dem ist aber natürlich nicht so. Die Ursache des Problems ist einfach, dass sie keine Bücher besitzen. Ich meine, wie soll ein Kind lesen lernen oder üben, wenn es weder zuhause noch in der Schule Schulbücher verwenden kann? Zum von der Tafel abschreiben, braucht man kein Englisch können und die Mehrheit lernt es davon auch nicht. Dazu kommt noch, dass die schwachen Schüler aber nicht Wort für Wort abschreiben, nein, nach zwei Buchstaben muss an die Tafel geschaut werden, weil die Wörter oder deren Bedeutung einfach nicht gekannt werden.
Ich als Lehrer besitze die einzigen Bücher. Nach dem ersten Tag bin ich nach Unterrichtsschluss in der Lehrmittelfreiheit gegangen um zu prüfen wie viel Bücher da sind. Aus der unvorhandenen Ordnung, die in den zwei Schränken herrscht, konnte ich 6 Mathe- und Englischbücher entzaubern. 6 Bücher für 60 Schüler. Weder die Schüler noch die Schule hat ausreichend Geld um ansatzweise ausreichend Bücher für die Klasse zu kaufen.

Viele der Schüler sind zwar auf dem Papier in der sechsten Klasse, sollten es meiner Meinung nach aber auf keinen Fall sein. Wenn sie jetzt noch nicht gescheit lesen und schreiben können, oder ihnen Grundrechenarten fremd sind, wie sollen sie nächstes Jahr ihren Abschluss machen? Und dann werden sie entlassen ohne je wieder eine Schule zu besuchen? Und wie soll ich ihnen denn überhaupt den Stoff der sechsten Klasse näherbringen, wenn sie die nötigen Vorkenntnisse nicht besitzen und mich nur kaum verstehen?
Das deutsche System mit dem Sitzenbleiben kommt mir um einiges sinnvoller vor, als einfach jeden mit zu schleppen, wie es hier gemacht wird. Auch wenn es für die, die es betrifft natürlich lästig sein muss alles zu wiederholen, falls man nur in einem Fach schlecht war. Aber die Defizite werden ja nicht gerade kleiner vom Ignorieren.

Ein weiteres Problem ist, dass mir in der letzten Wochen mehrfach die Schüler eingeschlafen sind. Ich nehme das mal nicht als Beleidigung meines Unterrichts auf, sondern höre auf den Schulleiter, der meinte, es liege daran, dass viele Schüler bis spät abends und auch morgens in der Früh zuhause arbeiten müssen. Viele leben bei Verwandten, da ihre Eltern teilweise oder ganz schon verstorben sind und müssen daher mehr als sonst zuhause arbeiten. So können sie sich in der Schule aber natürlich nicht gescheit konzentrieren.
Positiv überrascht hat mich dagegen der liebevolle Umgang der Lehrer mit den Schülern. Anstatt dem distanziertem Schüler-Lehrer-Verhältnis wie man es aus deutschen Schulen kennt, herrscht hier eher eine freundschaftliche Atmosphäre. Es wird gesungen und gespasst. Rohrstöcke bzw. -schläuche sind zwar vorhanden und werden manchmal in der Hand gehalten, aber ich habe bisher nicht den Eindruck, dass sie benutzt werden. Die Anwendung von körperlicher Gewalt an Schülern ist auch von von staatlicher Seite verboten, wird aber generell trotzdem praktiziert, wenn man meinem Gastbruder Glauben schenkt, der wohl schon Einiges abbekommen hat.

Auch wenn man heutiger Blogeintrag eine sehr negative Sicht der Dinge wiederspiegelt, darf man aber nicht vergessen, dass diese Schule kein Geld vom Staat oder anderen Spendenquellen bekommt. Nur die Gemeinde, die selbst aus diesen armen Menschen besteht, versucht die Schule zu finanzieren und muss sich natürlich selbst mit Geldproblemen auseinandersetzten. Die Lehrer arbeiten hier für einen Hungerlohn, um den Unterricht möglich zu machen. Gäbe es diese Schule nicht, würde der Grossteil dieser 400 Schüler überhaupt keine Chance auf Bildung haben.
Ich habe einfach meine momentanen Eindrücke niedergeschrieben und auf Euphemismen verzichtet, da mich diese Situation doch manchmal echt nachdenklich stimmt. Dann tut es aber gut, mit meiner Gastmutter oder den anderen Freiwilligen vor Ort drüber zu reden oder sich abzulenken.
Das hat den Nebeneffekt, dass ich mich hier zunehmends wohler fühle.
Also, ich hoffe ihr habt euch bis hierhin durchgebissen, Bilder gibt’s diesmal leider keine, da ich mein Kameraladegerät in Deutschland gelassen habe. Mal schauen wie ich das regele.
Macht's gut, schöne Grüsse an alle

Martin

Sonntag, 9. September 2012

Ende der Orientierungsphase

Hallo an alle!
Ich hoffe es geht euch gut?

Bevor ich anfange von meinen ersten Erfahrungen in der Schule zu berichten, würde ich noch gerne von zwei Programmen der Diözese erzählen, die ich während der Orientierungsphase kennen gelernt habe, um euch einfach einen besseren Überblick über die Bevölkerung zu geben.

Und zwar waren wir in der letzten Woche unterwegs mit der - ich würds mal als AIDS und Kinderabteilung übersetzen. Mit Mitarbeitern dieser waren wir an einem Tag auf dem Weg zu einer Stadt direkt an der kongolesischen Grenze. Die Straße auf dieser anderthalbstündigen Reise war in so katastrophalem Zustand, dass bestimmt schon Menschen vom einfachen Befahren Genickbrüche bekommen haben. Zum Schutz unserer Genicke fuhren wir oft neben der Straße im Gras anstadt auf dem bröckligen Teer. In diesem Ort fand ein Freiwilligentreffen statt, ganz ähnlich wie ich es schonmal beschrieben hatte. Diesmal aber ging es um diese Freiwilligen selbst.Und zwar war es das erste Treffen eines dreitägigen Seminars, in dem die vielen Frauen und zwei Männer Tipps zur Einkommenssteigerung bekommen sollten.

Nach der Vorstellungsrunde wurden wir in Kleingruppen aufgeteilt mit der Aufgabe über die jeweilige momentane finanzielle Situation nachzudenken und seine Probleme aufzuschreiben. Dazu sollten wir eigene Ideen zur Verbesserung der Situation entwickeln und unsere Erwartungen des Seminars erläutern.
Dies alles wurde dann in der Großgruppe zusammengetragen. Fast alle Frauen haben als ihre Finanzquelle ihren Mann angegeben. Darüber hinaus verkaufen sie allesamt eine Kleinigkeit auf dem Markt. Mit Abstand die meisten Obst und Gemüse, wenige andere Backwaren. Dass das Berufsfeld so stark auf die Landwirtschaft beschränkt ist, ist irgendwo schon erschreckend. Viel erschreckender wurde es allerdings noch als es dann zu den Problemen ging. Wirklich jeder Teilnehmer hat die Schulgebühren für die Kinder angegeben. Die Schulgebühren für eine Gemeindeschule beträgt umgerechnet alle drei Monate etwa 4 Euro. Für staatliche Schulen sind es teilweise mehr als 100 Euro. Als ich dran war meine Probleme mit den anderen zu teilen, habe ich erstmal nachdenken müssen, um dann zu sagen, dass ich keine Probleme hätte. Dabei war mir extrem unwohl, aber mir ist einfach kein Problem eingefallen, womit ich die anderen nicht lächerlich gemacht hätte. Wenn es um Hunger und um die Zukunft der Kinder geht, fand ich hätte Heimweh einfach nicht so gepasst.
Andererseits ist es natürlich schön zu sehen welch hohen Stellenwert die Bildung der Kinder in den Augen den Erwachsenen hat.
Die Ideen und Erwartungen waren natürlich Tipps zu bekommen für die Landwirtschaft und den Verkauf. Den Frauen wünsche ich auf jedenfall blühende kleine Geschäfte, dass alle ihre Kinder die Schule besuchen können.

Immer wieder wird zur Auflockerung getanzt oder gespielt.

In einem anderen Seminar haben Teresa und Ich am Ende der vergangenen Woche teilgenommen. Angestellte der Diözese wurden auf Workshops vorbereitet, die sie mit armen Kindern und deren Eltern durchführen werden. Weil wir sehr viele Rollenspiele gespielt haben, denke ich in diesem ultraschicken Hotel einiges für mein Lehrerdasein gelernt zu haben. Mit den anderen recht jungen Teilnehmern haben wir uns super verstanden und so wurden wir dann auch abends zur Abschiedsparty eingeladen. Da wir als Ehrengäste dort waren, wurden nun zum ersten Mal unsere Tanzkünste abgefragt. Es wurde ein schöner Abend.

 
Das Programm legt viel Wert auf spielerisches Lernen für die Kinder. Das kommt mir echt sehr entgegen :)
Da mein Gastvater jetzt schon in den Kongo gezogen ist, und der kleinere Bruder wieder in in der Schule in Kitwe, sucht meine Familie seit kurzen eine kleinere Bleibe. Um Geld zu sparen wurde auch der Haushälter entlassen und so suchen wir nach einer Wohnung für uns drei Verbliebenen. Wir bleiben aber auf jedenfall in Ndola. Das Haus gleicht seit dieser Entscheidung einem Kaufhaus, täglich schneien Leute vorbei, die unseren Herd, die Couch und den Fernseher kaufen, damit wir weniger Zeugs beim Umzug schleppen müssen. Mein Bett wird zum Glück noch nicht verkauft, ich kann also weiterhin beruhigt einschlafen.
Es gibt noch jede Menge zu erzählen, die Schule hat ja schon angefangen, aber komischer Weise hänge ich mit dem Schreiben im moment etwas nach, da sich die Wochenenden jetzt doch langsam mehr und mehr füllen.

Ich habe noch was nur so zwichendurch ohne Zusammenhang:
Mein Bruder hat sich gestern ziehmlich drüber lustig gemacht, dass Forscher behaupten der Mensch stamme vom Affen ab. Die wären wohl irgendwo kaputt im Kopf sowas zu sagen. Gott habe den Menschen als sein Abbild geschaffen und Gott sei ja bestimmt kein Affe. Er meinte die Forscher, die sowas behaupten würden wahrscheinlich nichtmal die neunte Klasse bestehen. Ich fand das ganz lustig, vielleicht lacht ja jemand mit mir.

Viele Grüße
Euer Martin

Sonntag, 2. September 2012

Die erste Malaria

Hallo ihr Lieben!
Der Grund für meine Abwesenheit im Blog hat einen Namen: Malaria.
Nachdem ich unter der Woche mit aushaltbaren Kopf- und Magenschmerzen zu kämpfen hatte, ging es dann recht plötzlich in der Nacht Berg ab mit mir. Es kamen Fieber, Gliederschmerzen, Übelkeit und Durchfall hinzu, am nächsten Morgen für mich meine Gastmutter dann ins Krankenhaus. Die haben mich dann gleich dortbehalten. Sorgen müssen sich aber keine gemacht werden. Denn nach mehreren Spritzen in die Arme und in den Allerwertesten ging es mir bald aber auch schon besser. Ich war alleiniger Patient in einem Doppelzimmer eines privaten Krankenhauses. Ich habe mich sicher dort aufgehoben gefühlt, denn die Hygienestandarts waren echt europäisch. Auch von Seiten der Diözese, Teresas und meiner Gastfamilie wurde sich liebevoll um mich gekümmert. Dreimal täglich haben sie vorbeigeschaut!
Mit einem großen Lunchpaket voll Medikamente wurde ich gestern dann entlassen und kann am Montag nun Gesund mit meiner Arbeit in der Schule beginnen.
Um meine Versäumnisse aufzuarbeiten schreibe ich euch nun den Bericht der letzten Woche:

Na, wer kann die Giraffen von den Bäumen unterscheiden?
 

Eine eher ruhige Woche liegt nun hinter mir. Da Patrick dank einer Malaria (jaja Nachmacher, ich weiß) flach liegt, sind eins, zwei Programmpunkte ausgefallen. Laut seiner SMS, die er mir eben geschrieben hat, geht es ihm aber Gott sei Dank wieder besser. Die freie Zeit konnte ich nutzten, um mich in die Schulbücher der sechsten Klasse schon mal einzulesen, die ich am Montag bekommen hatte. Zuvor wurde ich schon vom Schulleiter eingewiesen wie ich die Schulstunden, Wochen- und Trimesterpläne zu dokumentieren habe. Das ist ganz schon viel Schreibarbeit kann ich euch sagen. Es gibt feste 1-2 seitige Muster, wie ein solcher Plan auszusehen hat. Da die Schule aber weder ein Computer, noch ein Kopierer besitzt, muss dieses Muster für jede einzelne Schulstunde neu abgeschrieben werden.
In Zukunft werde ich aber wohl genügend Zeit haben auf diese Weise nachmittags meinen Unterricht vorzubereiten. Die Schule startet nämlich für mich tatsächlich um sieben Uhr, dafür dürfen die 60 Schüler der sechsten Klasse und somit auch ich, schon um halb eins nach hause gehen.
Der zu unterrichtende Stoff hält sich finde ich vom Schwierigkeitsgrad echt in Grenzen. Die größten Aufgaben, die es zu bewältigen gibt wird wohl die Sprache und ebenso das pünktliche Erscheinen meinerseits sein.
Die Sprache deswegen, weil die Schüler aus Familien kommen, in denen zuhause kein Englisch gesprochen wird. Dazu wird, laut dem Herrn Schulleiter, mein Akzent eine weitere Herausforderung darstellen.
Die Pünktlichkeit ist aus anderen Gründen ein Problem. Bei meinen bisherigen drei-vier Besuchen der Schule war ich jeweils wegen den Bussen zu spät dran.
In Ndola gibt es nämlich keine Busse, die sich an Fahr und Zeitpläne halten, wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Nein, hier stellt man sich einfach an eine Bushaltestelle an der Hauptstraße in der Hoffnung, dass irgendwann ein Bus erscheinen wird. Und tatsächlich, selten muss man eine Minute warten, dann kommt ein hupender Bus angerauscht, aus dem ein Mann rausschreien wird, ob man denn mitfahren will. Danach also steigt man in den etwa Opel-Vivaro-großen Bus, aus dem laute Musik dröhnt. Es werden wahrscheinlich schon etwa 15 Leute drinnen sitzen, aber einen Platz in irgendwelchen Ritzen findet man eigentlich immer. Mitten in der Fahrt gibt man dann dem aus dem Fenster schreienden Mann das Geld. Soweit macht das ganze auch echt Spaß.
Das Problem ist nun, dass, wenn ich zur Schule möchte, im Stadtzentrum einmal Umsteigen muss. Dort hin, komme ich prima in 20 Minuten. Angekommen, setzte ich mich in den neuen Bus, der schon bereit steht, um mich zur schule zu fahren. Dieser wird allerdings erst losfahren, sobald alles Plätze belegt sind. Und da, morgens nur die wenigsten in das Armenviertel hinein wollen, sondern die meisten eher raus um irgeneiner Tätigkeit nachzugehen, dauert es also ca. eine Dreiviertelstunde bis sich dieser Bus überhaupt in Bewegung setzt. Da ich natürlich wenig Lust habe, jeden morgen mich um fünf Uhr auf den Weg zu machen, habe ich beschlossen mir ein Fahrrad zu kaufen.
Zuerst hatte ich da an ein Secondhandrad gedacht, da diese ja nunmal billiger sind. Also habe ich es in einer kleinen Fahrradreperaturhütte am Straßenrand, nicht weit entfent von meiner Schule versucht. Nachdem ich dort zuerst ein Fahrrad ohne Pedalen vorgestellt bekam, habe ich den Männern meine genaueren Wunschvorstellungen erläutert. Danach wurde jemand losgeschickt um ein anderes Rad zu holen. Da dies zwar immerhin eine Pedale besaß, jedoch auch einen gebrochenen Lenker, habe ich von der Idee mir ein Secondhandrad zu kaufen erstmal Abstand genommen. Für umgerechnet ca. 90 Euro werde ich mir jetzt wahrscheinlich ein Neues leisten.

Ansonsten wurde ich in eine weitere sehr typisch sambische Tätigkeiten eingeweiht: Das Abschlagen der Maiskörner von den getrockneten Maiskolben. Mais ist das mit Abstand meist angebaute Agrargut in Sambia, es wird ja auch mehrmals jeden Tag von der ganzen Nation gegessen. Meine Familie besitzt ein kleines Maisfeld. Die geernteten Güter liegen zum Trocknen hinten im Garten in einem Gebilde, das etwa so aussieht, wie die Trampoline, die oft in deutschen Gärten von Familien mit kleiner Kindern zu finden sind. Dieses Gebilde, sieht man hier wirklich häufig, da so ziemlich jede Schule und oder Arbeitsstelle seinen eigenen Garten samt Maisfeld besitzt. Zurück zum Maiskörnerabschlagen: Die getrockneten Kolben wurden in Säcke geschmissen, die daraufhin verschlossen wurden. Dann durfte ich mehrmals mit einer Art Baseballschläger mit aller Kraft auf diesen Sack einschlagen, bis die Körner sich von den Kolben gelöst haben. Der Sack wird nun auf einer Plane ausgeleert, die restlichen Kolben entfernt und der Mais in Säcken verstaut. Etwas mehr als einmal im Monat wird dann der 60-70 Kilosack zum Mühlen in die Stadt gefahren. Zurück bekommt man das Maismehl. Spätestens ab diesem Zeitpunkt steht dann fest, dass niemand Hunger schieben muss; für das Nshima des nächsten Monats ist ja dann vorgesorgt.
Als wir dies am Samstagnachmittag machten, wurden wir sowohl von Jugendlichen aus der Gemeinde sowie von einigen erheiternden Getränken unterstützt. Die Jugendlichen haben ihren Spaß und sammeln so gleichzeitig etwas Geld für die Gemeindekasse. Ganz schon clever finde ich.

Auch der sambischen Tierwelt durfte ich schonmal Hallo sagen.
Auf einem Bauernhof, der von einem Schweizer Ehepaar bewirtschaftet wird, wurden Teresa und mir, das Basiswissen für eine erfolgreiche Farm erläutert. Der Bauernhof beinhaltete riesige Bananen und Papayaplantagen, eine Tierabteilung, Maisfelder und Gemüsebeete. Mit dem Umsatz wird eine umliegende Mission unterstützt. Da 80 Prozent der Sambier von der Landwirtschaft leben, war es interessant zu hören, mit welchen Problemen die Farmer auch aus europäischer Sicht konfrontiert sind. So ist es zum Beispiel ein Problem, dass die wenigen großen Supermärkte in den Städten ihre Waren meist aus entfernten Regionen beziehen, und die regionalen Bauern nur wenige Möglichkeiten haben, ihre Güter in ausreichender Menge an den Mann zu bringen.
Nach diesem Besuch ging es auf jedenfall ab zu einer Art riesigen Tierpark, wo man mit dem Auto durchfährt und immer wieder anhält um Giraffen, Zebras oder Impalas zu sehen. Nebenbei waren wir noch in einem Schlangenpark, wo uns verschiedene Krokodile und Schlangen vor die Nase gehalten wurden. Nicht weit von dort, gab es einen wunderschön angelegten See zum Entspannen. Dort gab es auch Gemächer zum Übernachten. Die touristische Seite Sambias war echt schön anzusehen. Viele weiße Gesichter waren dort zu sehen. Auf dem Weg dorthin waren jedoch wieder einige ärmliche Dörfer zu begutachten. Ganz schon verwirrend so wunderschöne und unschöne Plätze direkt hintereinander zu sehen.

Mit neuen Eindrücken und dem Versprechen in naher Zukunft wieder zu schreiben sage ich nun Lebt wohl

Martin