Sonntag, 16. September 2012

Zwischen Ernüchterung und Verzweiflung

Hallo allerseits,
Ich komme nun endlich dazu von der Arbeit in meiner Schule zu berichten. In der ersten Woche sollte eigentlich der alte Lehrer der sechsten Klasse den Unterricht fortführen und ich zuschauen, damit ich weiss wie der Unterricht dort so abläuft. Tatsächlich aber ist der Schulleiter kurzfristig bis November nicht da, und dieser eine Lehrer muss jetzt Schulleiter spielen. Ausserdem wird in der ersten Woche hauptsächlich die Schule von den Schülern geputzt und der Stoff des letzten Terms wiederholt. Insgesamt hat also in der ersten Woche eine ganze Stunde Mathe stattgefunden. Am Montag dieser Woche wurde mir dann nochmal tatkräftig geholfen und seit Dienstag habe ich nun den Spass mit den 60 Schülern. Die Altersspanne ist krass hoch in der Klasse, die Jüngsten sind 12 und der Älteste 17. Ich bin übrigens 18 und unterrichte eine sechste Klasse. Die Kinder wurden zum Teil deswegen so spät eingeschult, weil sie zu hause einfach gebraucht wurden oder niemand die Schulgebühren gezahlt hat. Niedlich anzuschauen sind sie ja, wie sie zu dritt gequetscht auf den 22 Schulbänken hocken und mich erwartungsvoll anstarren. Das ändert aber nichts daran, dass wir ein noch grösseres Kommunikationsproblem haben, als ich ursprünglich angenommen hatte. Die erste Herausforderung ergab sich schon als ich nach ihrem Namen fragte. Typische Reaktionen waren: Mich fragend anstarren, Kopf hinter den Armen verstecken oder lautlos die Lippen bewegen. Und immer wenn ich näher kam, wurde noch leiser gesprochen. Ich glaube daran sieht man, dass es für die Schüler nicht ganz einfach ist, jetzt einen weissen Lehrer zu haben und die Unkenntnis über einander eine ziehmlich grosse Barriere ist, die erstmal überwunden werden muss. Ein weiteres Beispiel dafür ist, wenn ich mit meinem Fahrrad in der Gegend unterwegs bin. Dann werde ich alle paar Sekunden gegrüsst, mir wird nachgeschrien und Kinder rennen mir hinterher. So eine Attraktion bin ich. Es gibt zwar einige andere Weisse in der Stadt, aber die haben entweder keinen Grund in das Armenviertel zu gehen oder sind meistens mit dem Auto unterweg. Unglaublich also, dass ich auch ein ganz normaler Mensch bin und laufen und Fahrrad fahren kann.
Also, wenn jemand wer kennt, der Aufmerksamkeitsdefizite hat, sollte ihn einfach in den Flieger nach einem sambischen Armenviertel setzten. Dort müsste er sich dann pudelwohl fühlen.

Die Klasse gibt ein recht gewöhnungsbedürftiges Bild ab. Mädchen mit säuberlichen Schuluniformen sitzen neben Jungs, die regelrechte Lumpen anhaben. Zum Glück ist es in Sambia echt heiss, weil so oft wie ich hier St. Martin spielen müsste, geht einfach nicht. Ich habe selbst nicht genug Kleidung um allen was gescheites zum Anziehen zu geben. Und dabei gibt es auf dem Secondhandmarkt Hosen für umgerechnet einen Euro.
Als ich aus menschlichen Gründen mal die Schultoilette aufsuchen wollte, bin ich bis auf fünf Meter herangegangen und dann angeekelt umgedreht. Ich befürchte, dass es hier, wie es in dieser Gegend nun mal üblich ist, kein Abwassersystem gibt, sondern einfach Löcher gegraben wurden, in denen die Fäkalien vor sich daherleben. In den Wohnhäusern wird normalerweise Maismehl drüber gekippt, was den Gestank echt gut abdeckt. Diese Toiletten würde ich aber einfach als unmenschlich beschreiben.

Meine Vorbereitungen für die Schulstunden gebe ich morgens um sieben dem übrigens sehr netten momentanen Schulleiter und dieser segnet sie ab. Bisher war er sehr zufrieden mit mir. Dann bewachen wir die Schüler bis halb acht, während sie den ganzen Schulhof und teilweise die Klassenzimmer fegen. Eine 20-minütige Pause gibt es um zehn nach zehn. Um halb eins ist die Schule dann aus und ausgewählte Schüler kehren und putzen wiederrum das Klassenzimmer. In dieser Zeit war es mir bisher nicht möglich mehr als 3 Fächer zu unterrichten, da einfach alles unglaublich lange dauert. Das liegt hauptsächlich an den sprachlichen Mängeln. Ein paar sprechen fliessend und verstehen sehr gut Englisch, können es auch schreiben. Die meisten eher gebrochen. Aber um einzelne mache ich mir echt Gedanken, weil ich sie noch so gut wie kein Wort habe sprechen hören.
Der erste richtige Schock traf mich, als ich feststellen musste, dass niemand in der Klasse dazu fähig ist, schriftlich zu dividieren. Und das, obwohl sie es vor ein paar Monaten gelernt haben sollten.
Auch war es mir nicht möglich einen Satz zu diktieren, da niemand wusste was er aufschreiben soll. Jedes Wort musste einzelnd buchstabiert werden. Jedoch wurden einfachste Worte wie „because“ oder „they“ teilweise falsch buchstabiert. Auch konnten mir einfachste Fragen über eine Geschichte, die ich mehrmals langsam vorgelesen habe, nicht beantwortet werden. Die Antworten müssen vordiktiert und an die Tafel geschrieben werden, nur so hat der Unterricht Erfolg.

Das mag sich jetzt vielleicht alles danach anhören, dass die Schüler einfach geistig nicht dazu in der Lage wären zu lernen, dem ist aber natürlich nicht so. Die Ursache des Problems ist einfach, dass sie keine Bücher besitzen. Ich meine, wie soll ein Kind lesen lernen oder üben, wenn es weder zuhause noch in der Schule Schulbücher verwenden kann? Zum von der Tafel abschreiben, braucht man kein Englisch können und die Mehrheit lernt es davon auch nicht. Dazu kommt noch, dass die schwachen Schüler aber nicht Wort für Wort abschreiben, nein, nach zwei Buchstaben muss an die Tafel geschaut werden, weil die Wörter oder deren Bedeutung einfach nicht gekannt werden.
Ich als Lehrer besitze die einzigen Bücher. Nach dem ersten Tag bin ich nach Unterrichtsschluss in der Lehrmittelfreiheit gegangen um zu prüfen wie viel Bücher da sind. Aus der unvorhandenen Ordnung, die in den zwei Schränken herrscht, konnte ich 6 Mathe- und Englischbücher entzaubern. 6 Bücher für 60 Schüler. Weder die Schüler noch die Schule hat ausreichend Geld um ansatzweise ausreichend Bücher für die Klasse zu kaufen.

Viele der Schüler sind zwar auf dem Papier in der sechsten Klasse, sollten es meiner Meinung nach aber auf keinen Fall sein. Wenn sie jetzt noch nicht gescheit lesen und schreiben können, oder ihnen Grundrechenarten fremd sind, wie sollen sie nächstes Jahr ihren Abschluss machen? Und dann werden sie entlassen ohne je wieder eine Schule zu besuchen? Und wie soll ich ihnen denn überhaupt den Stoff der sechsten Klasse näherbringen, wenn sie die nötigen Vorkenntnisse nicht besitzen und mich nur kaum verstehen?
Das deutsche System mit dem Sitzenbleiben kommt mir um einiges sinnvoller vor, als einfach jeden mit zu schleppen, wie es hier gemacht wird. Auch wenn es für die, die es betrifft natürlich lästig sein muss alles zu wiederholen, falls man nur in einem Fach schlecht war. Aber die Defizite werden ja nicht gerade kleiner vom Ignorieren.

Ein weiteres Problem ist, dass mir in der letzten Wochen mehrfach die Schüler eingeschlafen sind. Ich nehme das mal nicht als Beleidigung meines Unterrichts auf, sondern höre auf den Schulleiter, der meinte, es liege daran, dass viele Schüler bis spät abends und auch morgens in der Früh zuhause arbeiten müssen. Viele leben bei Verwandten, da ihre Eltern teilweise oder ganz schon verstorben sind und müssen daher mehr als sonst zuhause arbeiten. So können sie sich in der Schule aber natürlich nicht gescheit konzentrieren.
Positiv überrascht hat mich dagegen der liebevolle Umgang der Lehrer mit den Schülern. Anstatt dem distanziertem Schüler-Lehrer-Verhältnis wie man es aus deutschen Schulen kennt, herrscht hier eher eine freundschaftliche Atmosphäre. Es wird gesungen und gespasst. Rohrstöcke bzw. -schläuche sind zwar vorhanden und werden manchmal in der Hand gehalten, aber ich habe bisher nicht den Eindruck, dass sie benutzt werden. Die Anwendung von körperlicher Gewalt an Schülern ist auch von von staatlicher Seite verboten, wird aber generell trotzdem praktiziert, wenn man meinem Gastbruder Glauben schenkt, der wohl schon Einiges abbekommen hat.

Auch wenn man heutiger Blogeintrag eine sehr negative Sicht der Dinge wiederspiegelt, darf man aber nicht vergessen, dass diese Schule kein Geld vom Staat oder anderen Spendenquellen bekommt. Nur die Gemeinde, die selbst aus diesen armen Menschen besteht, versucht die Schule zu finanzieren und muss sich natürlich selbst mit Geldproblemen auseinandersetzten. Die Lehrer arbeiten hier für einen Hungerlohn, um den Unterricht möglich zu machen. Gäbe es diese Schule nicht, würde der Grossteil dieser 400 Schüler überhaupt keine Chance auf Bildung haben.
Ich habe einfach meine momentanen Eindrücke niedergeschrieben und auf Euphemismen verzichtet, da mich diese Situation doch manchmal echt nachdenklich stimmt. Dann tut es aber gut, mit meiner Gastmutter oder den anderen Freiwilligen vor Ort drüber zu reden oder sich abzulenken.
Das hat den Nebeneffekt, dass ich mich hier zunehmends wohler fühle.
Also, ich hoffe ihr habt euch bis hierhin durchgebissen, Bilder gibt’s diesmal leider keine, da ich mein Kameraladegerät in Deutschland gelassen habe. Mal schauen wie ich das regele.
Macht's gut, schöne Grüsse an alle

Martin

7 Kommentare:

  1. Hallo Martin,
    es ist schon erschreckend zu lesen, wie bei dir in Sambia die Schule "funktionert". Das kann man sich als Europäer, der noch nie in einem afrikanischen Land war gar nicht vorstellen. Aber ich bin sicher, dass dir der Unterricht dort gut gelingt.
    Ich möchte dir aber auch etwas aus deiner Heimat und von Kolping erzählen. Letztes Wochenende waren wir wieder mit unserem Weinstand auf dem Töpfermarkt. Wir hatten sehr gutes Wetter und dementsprechend auch guten Zulauf. Nächsten Samstag haben wir die Kleidersammlung. Drücke uns die Daumen, dass auch an diesem Tag das Wetter mitspielt. Leider müssen wir ja in diesem Jahr auf deine Hilfe verzichten. Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Zeit.
    Gruss Elisabeth

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  2. Hallo Martin,

    freut mich, dass es dir gut geht. Ich finde deine Beiträge Klasse und ich freue mich bereits auf den nächsten.

    Zu deinem Kommentar mit den Toiletten kann ich nur anmerken, in Deutschland sehen sie meistens nicht besser aus und riechen genau so schlimm. :D

    Ich hoffe, dass die Kommunikation zwischen die und deinen Schülern mittlerweile besser geworden ist. Schon komisch zu schreiben, dass du Lehrer bist. Vor allem da du vor 4 Monaten selbst noch Schüler warst.

    Man sieht (bzw. das geht ja nicht), man liest viel mehr, anhand deiner Beiträge, dass du dich im Sambia gut eingelebt hast und es dir Spaß bereitet dort zu helfen.

    Ich wünsche dir noch ganz viel Spaß.

    Es grüßt dich aus deiner Heimat

    Kevin

    PS: Einen Kommentar zum Kameraladekabel verkneift ich mir jetzt. Kannst dir ja bestimmt denken was ich schreiben würde. :D

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  3. Wow, das ist ein sehr beeindruckender Bericht! Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft, die Eindrücke verarbeiten zu können und Dich jeden Tag auf das Abenteuer Deines Einsatzes dort einlassen zu können. Was wohl Deine Schüler über Dich erzählen... Bestimmt sind sie begeistert!
    Liebe Grüße
    Thorsten

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  4. Hallo Martin,

    sehr beeindruckend Deine Verwandlung vom Abiturienten zum Lehrer! Und dann gleich vor 60 Schülern...
    Lass Dich nicht unterkriegen, Ihr werdet schon noch eine gemeinsame Sprache finden!

    Viele Grüße
    Birgit

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  5. Hallo Martin, schön zu hören, dass du die Malaria gut überstanden hast! Es ist immer wieder schön, etwas von dir zu hören und deine spannenden Berichte zu lesen! Wir wünschen dir weiterhin viel Spaß und Freude bei deiner Aufgabe als Lehrer vor so einem riesigen Pulk an Schülern und vor allem wünschen wir dir viel Kraft und Ausdauer bei deinen Tätigkeitsfeldern. Viele Liebe Grüße aus deiner inzwischen herbstlichen Heimat Flerschem senden dir ins ferne Sambia Melli und Chris

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  6. Hallo lieber Martin,

    über jeden einzelnen Beitrag freue ich mich riesig! Es liest sich besser als jeden Text den ich bisher gelesen habe. Ich bewundere dich sehr für deine Taten. Du gehörst wirklich zu den besonderen Menschen, aber das habe ich dir ja schon oft gesagt! Jedes Mal wenn ich unser Armband sehe freue ich mich.

    Genieße die Zeit - wir denken an dich <3

    Jasmin.

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  7. Hallo Martin, jaja die liebe Verwandschaft kann nur lesen und ist zu faul zu schreiben. Aber jetzt denk ich mal dran. Wir finden deine Darstellungen einfach super. Es macht richtig Spass Neuigkeiten zu lesen. Kaum vorstellbar, dass dir frühes Aufstehen so garnichts ausmacht, jaja wie sich die Dinge ändern können. Es freut uns, dass es dir so gut gefällt und du dich wacker durchschlägst. Während du schwitzt, wird es hier langsam ungemütlich. Am Sonntag ist Ben mit seiner Laterne am Martinsumzug mitgelaufen. Wir müssen uns langsam schon die dickere Kleidung rausholen. Aber schön war es. Stell dir das mal in Afrika vor, Kinder mit Laternen und 30°:-))
    Ja und Neuigkeiten gibt es auch, bis du wieder unter uns im Hessenländle bist, hast du einen Cousin mehr. (Wir hoffen doch sehr, du willst wieder zurück! Nicht dass es dir in der Wärme und Wildnis so gut gefällt.) Aber dafür sorgen sicher schon die guten Kekse und anderen guten Schmankerl die es in
    Sambia nicht zu essen gibt. Denn Schnitzel und Pommes sind einfach unschlagbar. Wir freuen uns auf die nächsten Neuigkeiten. LG Christa, Ben und Miche.

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